Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Dürer
Person:
Thausing, Moriz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1647765
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1651929
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Der 
zweite 
Aufenthalt in Venedig. 
offenbar in Dürers früher Art mit dem Pinfel linear fchraf- 
fierend vorgezeichnet, mit Tempera untermalt, aber nur ganz 
dünn und Hüchtig mit Oel laflert. Eine alte Copie darnach 
befitzt die Galerie zu Braunfchweig. 
So traurig uns heute auch das Original im Palafte 
Barberini anblicken mag, fo hat doch die feltfame Compo- 
fition und das knorrige Ausfehen feiner Köpfe und Hände 
noch ein befonderes hiftorifches Intereffe für uns. Dürer 
hatte f1ch in der Darflellung diefes ftummen Streites eini 
phyfiognomifches Problem geftellt, zu welchem ihn wohl 
nur ein Beifpiel oder eine mündliche Kunde von Lionardo 
da Vincis Grofsthaten auf diefem Gebiete herausgefordert 
haben kann. Daher die wuchtige Energie diefer Greifen- 
köpfe, daher die Lebendigkeit ihrer Geften. Insbefondere 
das Proül des Alten, unmittelbar rechts neben dem Kopfe 
ChriPri, fteigert den Contraft zu diefem bis zur Carricatur. 
Auch das aggrefüve Spiel feiner Hände gegen die des Knaben 
erinnert geradezu an ein ähnliches, wohlberechnetes Ver- 
hältnifs zwifchen den Händen des Judas und des Heilands 
im letzten Abendmahle Lionardos. Ein diefem zugefchrie- 
bener Chriftusknabe zwifchen den Schriftgelehrten, gleich- 
falls in Halbfigur, ift zwar nur in Schulbildern erhalten, 
dürfte aber doch auf ein Original oder doch einen Entwurf 
Lionardos zurückzuführen fein. Und fo erhalten wir hier 
den erften Anhaltspunkt für die Auffindung jener, bisher 
noch unfichtbaren Fäden, welche von Lionardo zu Dürer 
herüberlaufen und auf deren weitere Spuren wir noch zurück- 
kommen müffen. Eine Zeit, Welche fich in folchen zum Theile 
fpeculativen Problemen gefiel, mufste auch deren Löfungs- 
verfuchen mit befonderer Aufmerkfamkeit folgen. Indeffen 
mufs doch auch die Ausführung Dürers von letzter Hand, 
trotz der Schnelligkeit, nicht ohne befondere Feinheiten ge- 
wefen fein, z. B. an dem vorderften Pharifäer zur Linken, 
einem Charakterkopfe von gewaltiger Energie, deffen Aus- 
druck durch den kühnen Schnurrbart noch erhöht wird. 
Diefen Kopf "hat nämlich Lorenzo Lotto für feinen heil.
        

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