Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Dürer
Person:
Thausing, Moriz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1647765
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1650915
Titelblatt von 
15m. 
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dargeflellt wird, infpiriert von einer Erfcheinung der Mutter 
Gottes. Diefe bildliche Einleitung mag einer Concefflon an 
den Mariencultus ihre Entftehuxig verdanken. S0 wenig der 
darin ausgefprochene beliebte Gedanke mit dem Inhalte der 
Apokalypfe im Einklange fteht, fo wenig ftimmt auch die 
künftlerifche Auffaffung deffelben zu dem Geifte der darauf 
folgenden älteren Bildwerke. Ob mit oder ohne Abficht 
des Künftlers, fteht ihnen diefes Titelbild in jeder Beziehung 
fremd gegenüber. Aber die religiöfe Bedürftigkeit der Zeit 
konnte der himmlifchen Vermittlerin nirgends entrathen, 
und fromme Gemüther hatten vielleicht Anftofs daran ge- 
nommen, dafs Dürer das apokalyptifche Weib auf dem 
Monde fo deutlich von der an feiner Stelle geglaubten 
Himmelskönigin unterfchieden hatte. Vielleicht dafs der 
Meifter auf dem Titelbildchen das Aergernifs wieder gut 
machen wollte; wenigftens erfcheint die halbe Geftalt der 
Madonna hier gleichfalls im Sonnenglanze über dem Halb- 
monde, auf dem Haupte die Krone mit den zwölf Sternen. 
Wie ganz anders als Wolgemut tritt Dürer in feiner 
Apokalypfe an die kirchlichen Zeitfragen heran. Der kühle 
Spott, der ätzende Hohn, der {ich der Kirchenorclnung ent- 
fremdet gegenüber ftellt, hat nichts gemein mit der Gefühls- 
weife Dürers. Seine Natur ift von Grund aus religiös an- 
gelegt. Mit heiligem Ernfte, mit gläubiger Ueberzeugung 
erfafst er feinen Gegenftand; und den höchften Schwung 
jugendlicher Begeifterung athmet gerade feine Offenbarung 
Johannis. Allerdings fleht auch er in den Reihen der kirch- 
liehen Oppofition, aber nicht auf jener heidnifch-humaniftifchen 
Seite, die blos offen oder heimlich negiert, fondern in jener 
volksthümlichen Richtung, die den Kern, das eigentliche 
Wefen des Chriflenthumes emporheben will, indem fle die 
gleifsende Form zerfchlägt. Mit einem Worte, Dürer gehört 
bereits jener jüngeren deutfchen Geiftergeneration an, die 
im reinen Glauben ihre Zuverficht fucht, er gehört nicht 
fo fehr zu den Humaniften als vielmehr bereits zu den 
Reformatoren.
        

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