Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Gold und Silber
Person:
Luthmer, Ferdinand
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1658998
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1660154
Abschnitt. 
der Goldschmiedektxnst. 
Werke 
Die 
Knöpfe und dergleichen folgen dieser Neigung. Alle gröfseren Stücke 
bekommen einen erzählenden Inhalt: Im Rahmen der ornamentalen 
Komposition bewegen sich kleine F igurengruppen, die nur selten noch 
einen religiösen Vorgang, darunter am meisten wohl die "Verkündigung" 
darstellen: der neue Gedankenkreis, den die Litteratur der Renaissance 
aufgeschlossen hat, die griechische und römische Mythologie, liefert 
auch hier die Stoffe der Darstellung. 
Von den einzelnen Gattungen des Geschmeides liegt uns als 
Weiterbildung des Fürspans der Anhänger am nächsten, ebensowohl 
wegen der grofsen Zahl von Beispielen wie wegen der Mannigfaltigkeit 
seiner Erscheinungsformen. Ehe wir jedoch auf die im deutschen 
und französischen Schmucke vorkommenden Formen eingehen, sei es 
erlaubt, auf Fundstätten für solche der italienischen Frührenaissance 
hinzuweisen, die weniger beachtet worden sind, als sie es verdienen: 
Es sind die Randzeichnungen in den Kirchenbüchern des 15. Jahr- 
hunderts in den Kathedralen von Siena, Florenz, in der Brera zu 
Mailand, in der Barberinischen Bibliothek zu Rom und anderwärts. 
Sicher war es der unmittelbare Eindruck des Geschmeideluxus 
der Geistlichkeit im späteren Mittelalter, der die Miniaturisten dieser 
Zeit veranlasste, die Darstellung dieser mit Perlen bestickten, mit 
Bijouterien besetzten Borten der Kirchengewänder unmittelbar als 
Randleisten der mit entsprechendem Luxus geschmückten Kirchen- 
bücher zu verwenden. Auch mag an die oben erwähnte Verbindung 
der Goldschmiedekunst mit den übrigen Künsten erinnert werden, die 
in dem Italien des I5. Jahrhunderts soweit ging, dass die meisten 
Maler, Bildhauer, Architekten und nicht minder auch die berühmten 
Miniaturisten jener Zeit ihre erste künstlerische Lehre bei den Gold- 
schmieden und Iuwelieren bestanden. Anders ist auch kaum die überaus 
verständnisvolle Wiedergabe der Juwelen in den genannten Kirchen- 
büchern zu erklären, die den berühmten Liberale di Giacomo da 
Verona, den Florentiner Giovanni di Giuliano Boccardi, den Domini- 
kanermönch Fra Eustachio, Attavante, den lllliniaturisten des Königs 
Matthias Corvinus von Ungarn, Litti di Filippo Corbizi, Monte di 
Giovanni, Antonio di Girolamo u. a. zu Erfindern hatten. Als einen 
der geschicktesten Meister nach dieser Richtung, dessen Erfindungen 
ein in Originalen gänzlich verschwundenes Genre reizvollsten Früh- 
renaissance-Schmuckes bezeichnen, lernen wir aus einem im Museum 
zu Gotha befindlichen, 1478 zu Venedig gedruckten Dekretalenbuche 
einen Meister Benedictus Patavinus kennen. (Fig. 35.) 
Die Anhänger des I6. Jahrhunderts verleugnen zu anfang ihre 
Abstammung von dem kreisrund oder wenigstens zentral kompo- 
nierten Fürspan nicht, indem sie ebenfalls diese Form beibehalten, 
die manchmal mit Perl-Pendeloques behängt ist. Doch bildet die- 
selbe immerhin eine Ausnahme und mag uns in manchen Fällen ver- 
anlassen, das rosettenartige Schmuckstück nicht als Anhänger, sondern
        

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