Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Schmiedekunst
Person:
Meyer, Franz Sales
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1656576
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1657637
Dritter 
Abschnitt. 
Recht verbleiben  es sei hier nur an die eisernen Öfen und an die 
in den Baugewerken verwendeten Säulen und Träger erinnert  auf 
kunstgewerblichem Gebiete wird er stets ein billiger Notbehelf bleiben. 
Nachdem der tote Punkt erst überwunden war, hat die 
Schmiedetechnik sich unerwartet rasch erholt, weit schneller jeden- 
falls, als dies geschehen wäre, wenn der Umschwung um zwei oder 
drei Jahrzehnte später eingetreten wäre. So war die alte Tradition 
noch sporadisch vorhanden; da und dort war noch ein alter Meister 
xthäitig, der als Lehrling eine tüchtige praktische Anleitung gefunden 
hatte, und verhältnismäßig rasch war von den aufser Übung ge- 
kommenen Praktiken und Kunstgriffen das Erwünschte wieder bei- 
geholt. Und heute bereits, in den Tagen, da dieses Handbuch 
geschrieben wird, leistet die moderne Schmiedekunst alles Mögliche. 
Was früher gemacht wurde, kann heute gemacht werden, wenn es 
auch nicht immer gemacht wird, weil die Verallgemeinerung in Bezug 
auf Verständnis und Aufträge des Publikums noch nicht denjenigen 
Grad erreicht hat, den sie in wenigen Jahren voraussichtlich er- 
reichen dürfte. 
Wenn wir fragen, ob die moderne Schmiedekunst schon einen 
eigenen Stil gefunden hat, so läfst sich diese Frage zweifellos bejahen, 
wenn der oberflächliche Schein auch gegen die Antwort sprechen 
sollte. Wir stehen zu sehr inmitten unserer Kunstleistungen, als dafs 
wir den objektiven, übersichtlichen Blick haben könnten, den eine 
ferner liegende Zeit ja stets hat. Betrachten wir einen schmied- 
eisernen Gegenstand von heute und einen aus alten Zeiten; wird sie 
irgend jemand verwechseln, der nur einigermafsen Kenntnis der Sache 
hat? Gewifs nicht, und warum nicht? Erstlich arbeitet die heutige 
Technik mit ganz veränderten Hilfsmitteln; die Arbeitsmaschinen haben 
das Werkzeug verändert und erweitert; der heute mögliche Bezug von 
gewalztem Eisen der mannigfaltigsten Art, von fabrikmäfsig hergestellten 
Nieten, Knöpfen, Rosetten u. s. w. gibt dem heutigen Schmiedewerk 
ein modernes Gepräge und führt zu anderen Verbindungen und Kon- 
struktionen. Zweitens sind die Verwendungsgebiete ebenfalls wesentlich 
verändert und zum Teil ganz neue. Betrachten wir beispielsweise 
den Beleuchtungsapparat. An Stelle der Öllampen-  und Kerzen- 
beleuchtung oder wenigstens neben dieselbe sind das Gas und das 
elektrische Licht getreten. Die neu eingeführten Lichtquellen erfordern 
aber auch wesentlich anders gestaltete Träger u. s. f. Drittens ist 
auch die Stilaufassung, die äufsere Formgebung an und für sich schon 
eine andere. Man hat die moderne Zeit vielfach stillos geheifsen, 
weil sie so ziemlich in allen Stilen arbeitet und in allen möglichen 
Stilperioden nach geeigneten Vorbildern sucht. Diese Verquickung der 
verschiedenen Stile, die universale Vielseitigkeit, die Anpassung des 
Stilgemengsels an die Forderungen unserer Zeit werden eben dem 
modernen Stil seine Eigentümlichkeit aufprägen.
        

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