Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Genremalerei, ihre Aufgabe und Begrenzung
Person:
Seemann, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1647311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1647576
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Grund mit gelungenen Verbrecherphysiognomicn auf ihren 
schmutzigen Wegen umher. Sie thut es , weil ihr Horizont 
ein grösserer geworden und sie selbst sich ihrer sittlichen 
Mission bewusster geworden ist, weil sie fühlt, dass diejenige 
Kunst, welche der Wirklichkeit am nächsten, auch das Leben 
am vielseitigsten abzuspiegeln habe, das Genre nur aus Mangel 
eines weiteren Gesichtskreises in Einseitigkeit ausartete und 
sich st of f lich auch begreiflicher Weise um so mehr ver- 
flachen musste, je mehr sie ihr ganzes Heil vom „sinnlichen 
Schein" der rohen Materie abhängig glaubte. 
Im Gegentheil, die Sittenmalerei als eine Malerei mit 
unbekannten Grössen (Guhl) greift weit über jene Seite des 
zuständlichen Lebens hinaus, die blos in derber Komik oder 
stiller Beschaulichkeit das Leben abzuspiegeln versucht, 
friedliche Familienscenen und jubilirende Naturmenschen u. s. w. 
darstellt und in banger Scheu an Motiven vorbeigeht , die über 
den niedrigen Inhalt, wie er bislang als Träger des Genre galt, 
hinausgreifen. 
Diese Oberflächlichkeit des betrachtenden Blickes ist aber 
nicht, wie man glauben sollte, aus der Dürftigkeit sittenbild- 
licher Motive, sondern aus der Unterschätzung dieses Kunst- 
zweiges hervorgegangen, der, sich immer nur an die Klein- 
seite des zuständlichen Lebens haltend, nicht zu begreifen 
schien, dass „alles Bedeutende, was die Geschichte 
bewegt", alles Hohe und Höchstes, das die 
Menschenbrust empfindet, neben dem anspruch- 
losesten Thun und Treiben zur Darstellung 
gebracht werden darf. 
Allerdings sind die Anforderungen ganz andere, die wir 
an den Genremaler stellen, der einen Habermann an der Leiche 
seiner Frau 1 einen Napoleon im Gem ache einer Lenormand 
oder einen Luther in den stillen Räumen seiner Studirstube 
zur Anschauung bringt, als an einen solchen, der karten- 
spielende Bauern, trinkende Soldaten, nahende Mädchen u. s. w.
        

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