Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1638010
Erstes Kap 
incl. 
Die griechische Plasti 
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Anschauung dem Auge des Künstlers bedeute, vermag freilich luisre in 
Schneiderbarbarei verkommenc Modcwelt kaum mehr zu ahnen. 
Nur bei den Griechen steht jedes Kulturelement in wiollkommnem 
Einklange mit der Natur; nur bei ihnen ist jene Harmonie von Körper 
und Geist, aus deren gesundem Boden eine (lurchaus naturgemasse Kunst 
erblüht, in welcher die sittlichen Ideale des Volkes eine allgemein ver- 
ständliche, allgemein hinreissenile Ausprägung erhalten. Da ist kein 
künstlich geschaffener Contlikt, da ist kein natnrfeindliclier Spiri- 
tualismus: Alles ist einig, Alles die schöne, reine Blüthe wahrhaft 
menschlicher Bildmig und desshalb unvergiinglich und mustergültig für 
alle Zeiten. Sind die Werke Indiens und Aegyptens, Assyriens und 
Persiens wegen ihrer Befangcnhcit überwiegend Gegenstände eines kultur- 
historischen Interesscs, so gewinnt jedes Werk der Griechen eine ewige 
sittliche Bedeutung für die ganze Menschheit, weil hier zum ersten Male 
ein Volk bei selbständiger Ausbildung und treuem Festhalten seiner 
Nationalität sich zu einem Höhepunkte von Freiheit und Bildung auf- 
Sehwingt, der es zum Lehrer und unerreichten Vorbilde für alle Zeiten 
macht. Das gilt ebenso von der Poesie und Baukunst, wie von der 
Plastik der Hellenen. Was aber den sittlichen Kern der griechischen 
Schöpfungen ausmacht, das ist jene höchste Forderung schönen Maass- 
haltens, die religiöse Scheu vor dem Uebermuth, vor dem Uebersehreiten 
des dem Menschen cingebornen Gesetzes. Diese Forderung kann nur 
der freie selbstbewusste Mensch, nicht der sklavisch imterdrückte an 
sich stellen, und so finden wir, von welcher Seite urir auch den Wunder- 
bau griechischer Kunst betrachten, überall die Freiheit als seine Grund- 
lage wieder. Aus dieser reinen ethischen Basis entfaltet sich denn jene 
Kunst, als deren Merkmale Winekelmann „Stille. und Ruhe, eine edle 
Einfalt und stille Grösse" bezeichnet. 
Wir begreifen nun, warum erst bei den Griechen eine wahrhafte 
innere Geschichte des künstlerischen Schaffens beginnt. Eine Entwick- 
lllllg im eigentlichen Sinne giebt es nur da, "wo Freiheit waltet, wo der 
Geist nicht in dogmatische Formeln eingezwängt, sondern seinem eigenen 
Gesetze hingegeben ist. Auch hier verfahrt von Anbeginn seiner ächt 
nationalen Entwicklung der griechische Geist in freier Selbständigkeit. 
Schon die ältesten rohen hölzernen Idole der Götter, welche die Sage 
nicht selten vom Himmel fallen lasst, und die der kindlich fromme Sinn 
mit Kleidern und buntem Schmuck aufputzte, zeigen keine Beziehung zu 
fremden Vorbildern. Wir linden bei den Griechen niemals das Streben, 
göttliche Begriffe durch monströse Bildungen zu bezeichnen. Der vier- 
armige Apollo der Lakcdämonier, die hundertbriistigc Artemis der 
Unnnuniscluv 
Entwicklung. 
Innere 
Geschichte.
        

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