Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1638001
Zweites Bm 
Volkstypus. 
Fasst man nun das griechische Volk nach seiner Naturanlage naher 
in's Auge, so wird sich ein ganz ähnliches Verhältniss ergeben. In 
grauer Vorzeit aus dem Orient eingewandert, müssen die Urahnen der 
Hellenen denselben asiatischen Typus der ganzen Gestalt gehabt haben, 
dem wir noch jetzt auf den Bildwerken von Ninive und Persepolis be- 
gegnen. In den ältesten Erzeugnissen griechischer Kunst, namentlich 
auf den alterthümlichen Vasenbildern sieht man wirklich noch nicht das 
griechische Profil, sondern die sehr scharf vertretenden Formen asiati- 
scher Gesichtsbildung. Selbst in den Aeginctenstatuen ist noch ein Nach- 
klang jener älteren Form zu merken, obwohl sich daraus schon der be- 
kannte Schnitt des griechischen Profils entfaltet. S0 können wir also in 
den Bildwerken die Entwicklung der hellenischen Rage, ihr Fortschreiten 
aus dem allgemeinen asiatischen Völkertggpus zu dein besondern griechi- 
schen Volkschzirakter erkennen. Der stärkste Faktor bei dieser Um- 
gcstaltung muss in der Naturbeschaffenheit (iricchenlands und seines 
Klimas gesucht werden. Fern von tropischer Uebergewalt hat der milde 
hcllenische Himmel alle Kulturkeimc des hochbegabten Stammes geweckt, 
gefördert und zur Freiheit und edlen Menschlichkeit erhoben. Das Land 
selbst, hafenreich, mit tief eingeschnittenen Buchten, durch zahlreiche 
Gebirgszüge in viele kleine selbständige Gebiete gegliedert, gewährt in 
seinen Umrissen und den Profilen seiner Berge ein wahres Muster plasti- 
scher Schönheit. Derselbe plastische Charakter drückt sich auch im 
Wesen des griechischen Volkes aus. Das Auge, welches beständig von 
klarer, durchsichtiger Atmosphäre mnflossen ist und alle Formen bis in 
weite Ferne hin in ihrer ganzen Deutlichkeit und Schärfe, in dem un- 
endlichen Reiz ihrer leisesten Linienspiele stets in sich saugt, udrd den 
höchsten Grad von Empfänglichkeit für die plastische Schönheit er-- 
halten. . 
Schönheit 
des Volkes. 
Und dieses für Schönheit so empfängliche Auge des griechischen 
Künstlers fand als nächsten Gegenstand der Betrachtung den von der 
Natur edel angelegten, durch Gunst des Klimzfs entwickelten, durch 
(lymnastik gestählten, durch freie Sitte geadelten griechischen Menschen- 
schlag. Hier war Nichts mehr von dem gedrückten, befangeneil Wesen 
der Orientalen; Nichts mehr von der geistlosen Monotonie ihrer Köpfe, 
der eckigen, unfreien Bewegung ihrer Glieder: sondern in hoher Harmo- 
nie leuchtete aus einem edlen freien Körper eine edelgeborne, freie 
Seele hervor. Dazu kam die griechische T recht, die ebenso ein Resultat 
schöner Sitte war, den Körper zeigte, indem sie ihn verhüllte, in freiem 
Wurf seine Bewegungen ausklingen liess und wie ein zweiter bcseelter 
Körper das Wesen ihres Trägers deutlich verkündete. Was eine solche
        

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