Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1637980
Zweites Buch. 
Charakters nach der Verschiedenheit des Geschlechtes," des Alters, der 
Gemüthsart, Geistesanlztge unvergleichlich gross und treffend geschildert 
sind. Ueberblickt man die Reihe griechischer Göttergestalten, so muss 
die Feinheit und Schärfe, mit welcher in ihr alle dem griechischen Be- 
wusstsein denkbaren Abstufungen menschlicher Charaktere in mächtigen 
Gebilden ausgeprägt sind, in Erstaunen setzen. Die Wahrheit dieser 
Urtypen einer edlen und freigebornen Menschheit ist so überzeugend, 
dass bis auf den heutigen Tag, nachdem längst die mythologische 
Geltung der Götter im allgemeinen Bewusstsein untergegangen, Jeder- 
mann in einem Zeus das Bild höchster erleuehtetcr Itlerrsehermaeht, in 
Apollon, Herakles, Athene, Artemis, Aphrodite die Personitleationen 
geisterfüllter jugendlicher Mannheit, kraftvollen Heldenthmnes, anmuthiger 
Weisheit, jungfraulieher Strenge, vollendeter Frauenschönheit erkennen 
muss. S0 ist es überall eine idealisirte Natur, die aus den Gebilden 
griechischer Plastik in geistvollen, grossen Zügen zu-uns spricht. 
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Aus dem bisher Angedeuteten geht endlich noch ein andrer wich- 
tiger Pimkt hervor, in welchem die Bildnerei der Griechen von ihrer 
itlteren orientalischen Schwester gründlich verschieden, ja ihr entgegen- 
gesetzt ist.  Im Orient sahen wir die Plastik unmittelbar mit der Archi- 
tektur, an ihr, durch und für sie sich entwickeln. Sie war von Anbeginn 
eine Sklavin im Hause der Herrin, deren Gesetze die ihrigen wurden 
und ihre eigne Unfreiheit für immer besiegelten. Ganz zinders war es bei 
den Griechen. Ihre Plastik geht von dem Götterbildniss aus, für 
welches (lann die Architektur ein schützendes Haus zu schaffen hat. Die 
gesammte orientalische Kunst hat es in ihrer selbständigen nationalen 
[Existenz nie zu einer eigentlichen Statue gebracht, denn aille derartigen 
Gebilde sind ohne Ausnahme für die Architektur geschaffen und be- 
weisen schon durch ihre Unfreiheit und Gebundenheit, dass sie nur als 
integrirende 'I'heile von Bauwerken aufzufassen sind. Dagegen knüpft 
sich an das selbständige griechische Götterbild die ganze lüntnrieklung 
(ler hellenischen Plastik, die, von der strengen, noch unbelebten lIolz- 
puppc ausgehend, durch Aufnahme eines geistvollen Naturalismus zu 
den erhabensten und freiesten Gebilden göttergleiehen lllenschenthums 
oder menschengleiehen Götterthums sich emporsehwingt. 
Das Srll" 
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griPr-hisch 
Kunst. 
Wir können nun die vielfach erörterte Frage aufnehmen, in wiefern 
die griechische Kunst selbständig, in wiefern sie von der orientalisiehen 
abhängig gewesen sei. Nach dem bisher Angedellteteii sollte fn-iliell 
kein Zweifel (lariiher walten können, dass die grieehisrhe, Kunst nicht 
blass äusserlich, sondern weit mehr noch innerlieh vnn der gesammteii
        

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