Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1637976
Erstes Kapitel. 
Die griechische Plastik. 
Ursprung und Wesen. 
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Volke imponiren mussten, so werden bei den Griechen die Götter zu 
idealen Ilertretern höchster menschlicher Eigenschaften, und das freie 
Volk schafft in ihnen sich die leuchtenden Vorbilder alles Dessen, was 
ihm selbst als schön und gut erscheint. Kam in Aegypten, Assyrien, 
Persien die Bildnerei über das Ciebiet einer genrehaften oder chronik- 
artigen, also durchaus ausserliehen, trocknen Geschiehts(larstellung nicht 
hinaus, so wird erst bei den Griechen die Plastik zur hohen Idealkunst. 
Unter den Orientalen zeigten allein die mit den Griechen stammver- 
wandten Inder jenen, allen indogermanisehen Völkern vielleicht vom 
Urbeginn eingepflanzten Idealsinn: allein bei ihnen artet die Götter- 
gestalt in wilde phantastische Missbildung aus, weil auch ihnen die Frei- 
heit des sittlichen Lebens und damit die Klarheit der plastischen An- 
sehauung mangelt. 
Aber noch in anderen, nicht minder wesentlichen Punkten erscheint 
die griechische Kunst der orientalischen entgegengesetzt: in ihrer Be- 
Ziehung zur Natur. Der Orientale steht der Natur nicht frei und selbst- 
bewusst gegenüber, sondern er ist von ihren Fesseln umstriekt, mag er 
von ihrer tropischen Ueppigkeit erdrückt oder von ihren übergewaltigen 
Lebensbedingungen, wie Aegypten vom Nil, in seiner ganzen Existenz 
abhängig sein. Daher in den bildnerischen Werken des Orients niemals 
eine völlig freie, vollendet edle hIe-nschengestalt; vielmehr Herrscher und 
Sklaven allesammt in derselben befangenen, unlebemligen Art der Er- 
scheinung, die eine innere Gebundenheit verrath; daher nur die Thicr- 
Welt, in welcher von geistiger Freiheit oder Unfreiheit nicht die Rede 
sein kann, in völliger Lebenswahrheit aufgefasst. Erst der Grieche, 
vom Banne der Natur frei geworden, vermag dieselbe in ihrer ganzen 
Tiefe zu erfassen, vermag die menschliche Gestalt in ihrer natürlichen 
SUllÖlÜlGllI und in geistiger Freiheit hinzustellen. In ihrem Inhalt ganz 
ideal, beruht daher die griechische Plastik in ihrer Formgebung auf 
der Grundlage des Naturalismus. Weil aber der Inhalt auf die Form 
mächtig zurüekwirkt, ist dieser Naturalismus von einer Grösse und 
lloheit des Sinnes getragen, die ihn niemals in's Kleine oder gar Niedrige 
ausarten lasst. 
Verhiiltn 
zu r Nah 
Gast: 
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Da. die griechische Plastik vom Götterbilde ausgeht, so sucht sie in. 
fortschreitender Entwicklung für diese höchsten Gestalten auch die 
höchsten Anschauungen des Schönen und TVürdigen zu verwerthen. 
W ehl schafft sie in ihren Göttern eine Reihe von Charakteren; aber diese 
 wollen nicht mit dem Maassstabe des menschlich (iewöhn- 
liehen, individuell Zufälligen gemessen werden. Sie erheben sich viel- 
mehr zu idealen Typen, in denen bestimmte Seiten (les menschliche-l]
        

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