Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1637969
Zweites Buch. 
Inhalt 
er gliuch. 
Plastik. 
Verl 
lllll 
Religiol 
Tyrannis erhebt sich in jugendlicher Kraft eine Reihe von freien Staats- 
verfassungen, die bei mannichfacher Abstufung von der Aristokratie bis 
zur reinen Demokratie der Welt zum ersten Male das erhabene Schau- 
spiel eines zu unnmschrankter Geltung gelangten V olkswillens gewähren. 
Auf dem Boden dieser Freiheit ernmchs jene höhere, reinere Sitte, die 
mit ihrem milden Hauehe jede Erscheinung griechischen Lebens adelt. In 
den orientalischen Despotieen, wo der König und der Priester un- 
beschränkt herrschten, konnte nur eine äusscrliche Satzung das Leben 
regeln; daher auch in allen ihren Kunstwerken die strenge Norm rein 
conventioneller Vorschriften. Bei den Griechen erst erblüht im Lichte 
der Freiheit eine wahrhafte Sittlichkeit, die mit ihrem seelenvollen Aus- 
druck Alles durchgeistigt, was von Künstlerhand geschaffen ist. 
Bei einem solchen Volke musste die Bildnerei einen ganz andern 
neuen Inhalt gewinnen. Nicht bloss bei den Orientalen, sondern selbst 
noch bei den Vorfahren der Griechen im heroischen Zeitalter drehte sich 
alle höhere künstlerische Thätigkeit um die Verherrlichung des Herr- 
schers. Sie konnte daher keinen höheren idealen Inhalt haben, denn 
wo Einer herrscht und alle Andren blindlings gehorchen, da wird jede 
Thatigkeit nur von änsserer Nothwendigkeit, nicht vom inneren Antriebe 
einer freien Empündung in Bewegung gesetzt. Anders bei den Griechen 
der geschichtlichen Zeit. Sie erst gewinnen der Kunst einen ewigen 
idealen Inhalt, denn bei ihnen ist die Plastik nur die Verklärung des 
eignen Volksgeistes. Dieser Volksgeist hat seine höchsten Schöpfungen 
in den Gestalten der Götter ausgeprägt: nicht eine geschlossene Priester- 
kaste, wie bei den Orientalen, hat die Gottesbegritfe festgestellt, sondern 
die dichterische Phantasie der Nation, verkörpert in den unsterblichen 
Gesängen Homers, hat die lebensvollen Gebilde des griechischen Olympos 
an's Licht gerufen. Homer hat den Griechen ihre Götter geschaffen, 
wie die Alten sagten. Das heisst: der (lichtcnde Volksgeist hat aus 
seinen sittlichen Anschauungen die Gestalten der Götter gebildet. 
Will man das Verhältniss der griechischen Kunst zu ihrer orientali- 
schen Vorgängerin richtig würdigen, so giebt eine Vergleichung ihrer 
Mythologie mit der des Orients wichtige F ingerzeige. Ohne hier in Ein- 
zelnes einzugehen, brauchen wir uns nur der bekannten Thatsache zu 
erinnern, dass die Griechen mit allen jenen Göttergestalten, die aus dem  
Orient zu ihnen gelangt sind, eine völlige Umprägting Vßrgßllommen 
haben. Mit einem Worte: aus mythischen Natursymlaolen haben sie" 
lebensvolle Vertreter sittlicher Begriffe und Anschauungen gemacht. 
Wenn die Gottheiten des Orients in's Phantastische und Barocke hinübrar- 
ragen, weil die Priester durch mystisch Ungeheuerliches dem unfreien
        

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