Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1644771
inftes Kapitel. 
Die Bildnerei seit Canova. 
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reste überwundencr Kulturstufen zu entfernen, die sich für das allein 
Lebensfahige halten, weil eine verkehrte Staatsraison aus solchen mor- 
schen Balken die Stützen des wankenden Staatsgebäudes zu machen be- 
liebt. Diese Kämpfe werden zu Ende geführt werden, und wer zweifelt 
daran, dass die Völker siegen müssen? Sind aber erst jene freien Staats- 
verfassungen, das Ideal des gesammtcn modernen Ringcns, geschaffen, 
in welchen die Menschheit sich nach langer Unruhe und Unbehaglichkcit 
wieder wohnlich einrichten und zu fortschreitender Verbesserung sich 
entwickchi kann, dann erlebt auch die Kunst wieder eine Zeit wahrer, 
höchster Blüthe. Den Monumenten, die wir jetzt schon unseren grossen 
Männern setzen, werden dann noch ganz andere folgen. 
Aber auch die religiöse Kunst, die in emincntem Sinn ideale, wird 
dann eine neue grosse Blüthe erleben. Warum sie heute darniederliegt, das 
verschuldet nicht etwa eine lrrcligiosität des Zeitalters, sondern die 
Feindseligkeit, welche die Vertreter der spezifischen Kirehlichkeit gegen 
die Freiheitsbestrebungen der Gegenwart hegen, die gehässige Aus- 
schliesslichkeit, mit welcher die Träger der confessionellen Parteien sich 
überall als Erbpachter des einzig wahren Christenthums geriren. Findet 
die Kirche in dem freien Staate der Zukunft ihre eigene Freiheit, gewinnt 
sie ihre vielfach verscherzte Würde dadurch wieder, dass sie sich nicht 
mehr in das weltliche Gebiet des Staates mischt, dann wird es sich zeigen, 
dass die Zeiten nicht irreligiös geworden sind. Nur dazu ist die Gegen- 
wart zu entwickelt, dazu hat sie zu viel vom Wirken und Walten der 
Geschichte und des christlichen Geistes in der Geschichte kennen gelernt, 
um ferner mit leeren dogmatischen Gerüsten, mit hohlem kirchlichen 
Formelwesen ihr religiöses Gefühl abfinden zu lassen. Sie will lebendi- 
ges Brod, nicht mehr Steine. Wer heutigen Tages auf den sittlichen 
Gehalt des Christenthums als das allein Wahre, Schöpferische der Welt- 
religion hinweist, dem wird das wohlfeile Spottwort des "Rationalismus" 
zugeworfen. Sei es drum: dennoch liegt in jener sittlichen Macht das 
einzig Weltbewegende der Christuslehre. Und das ist gewiss: sobald 
dies auicrkannt und zur Geltung gebracht wird, haben wir wieder ein 
christliches Gesammtgefühl, unbeschadet der mannichfachen kirchlichen 
Formen, in die nebenbei sich die Religiosität der Einzelnen und der Völker 
kleiden mag. Nur aus einem Solchen Gesannntgefühl kann eine acht 
religiöse Kunst wieder erwachsen. Bis dahin werden wir höchstens eine 
kirchliche Tendenzkuiist haben. Dann aber werden wahrhaft religiöse 
Werke des tiefsten christlichen Gehaltes wie Rietschels Pietas nicht mehr 
vereinzelt bleiben. 
Religiöse 
Plastik. 
C 
L ü 
Gesch. 
der Plastik. 
ihßoäi
        

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