Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1644765
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Viertes Buch. 
Beihülfe die Sculptur nicht entbehren kann, sofern sie ihre knappe styl- 
gemasse Ausdrucksweise nicht mit der geschwatzigen malerisch-land- 
schaftlichen vertauschen soll, mancher Schössling mit so viel innerlicher 
Lebenskraft ausstatten lassen, dass er nicht den Eindruck des fremdartig 
Frostigen macht, sondern uns unmittelbar nah und verwandt erscheint. 
Wer versteht nicht sofort das Symbol des sterbenden Löwen auf dem 
Denkmal zu Luzern! Wie hätte der Gedanke einfacher, ergreifender 
ausgedrückt werden sollen! Und solcher Art könnte man Manches an- 
führen, sowohl aus den Werken Thorwaldsens und Rauchs als auch ihrer 
geistesverwandten Nachfolger. 
Dass aus dem Studium der Antike eine lauternde, belebende 
Kraft in jene Genreplastik hinüberdringt, Welche die einfache Darstellung 
anmuthiger Natur zur Aufgabe hat, braucht kaum hervorgehoben zu 
werden. Wohl aber darf man das Eine nicht vergessen, dass gegen 
jede Art von Uebertreibting, von Ausschreiten ins üppig Sinnliche und 
gar Lüsterne die Antike wieder den festen Damm bildet, seit wir die 
keusehen Schöpfungen acht griechischer Kunst uns unverlierbar zu eigen 
gemacht haben. Aber auch jenes Gebiet der Plastik, das diesen Gränzen 
am fernsten zu liegen scheint, die Schilderung des individuellen Lebens, 
bedarf eines starken Stromes antiken Schönheitsgefithles, um den auf 
diesen Wegen liegenden Gefahren des einseitig Charakteristischen, niedrig 
Realistischen zu entgehen. Je sicherer diesen Schöpfungen die lebendigste 
Sympathie des Volkes zu Theil wird, um so wichtiger ist es, ihnen eine 
würdige stylvolle Fassung zu geben. Wer sehen will, wie nichts von 
dem schärfsten Ausdruck des Sonderlebens geopfert und doch das Ganze 
in jene grosse Auffassung getaucht ist, welche wir immer wieder aus den 
Alten schöpfen, und die darauf hinausgeht, das Wesentliche, ewig Gül- 
tige aus der verwirrenden Masse des Zufälligen zu lösen und zu einem 
charaktervollen Gebilde auszuprägen, der betrachte die Standbilder 
Rauchs und Rietschels. 
Haben wir nun den Ueberbliek über den Stoifkreis der heutigen 
Plastik gehalten, so fragt sich schliesslich: ist es unserer Zeit nicht 
gegeben, eine äehte Idealkunst hervorzntreiben und damit also auch den 
höchsten, ewigen Gedanken Ausdruck zu leihen? Ist unsere Zeit so 
ideenarm, oder sind ihre Ideen so widerspänstiger Natur, dass sie sich 
der plastischen Verklärung entziehen? Gewiss nicht. Wohl aber sehen 
wir die Völker, heut in einem Zustand gewaltigen Ringens, dessen Ziel 
dahin geht, die fast überall noch lastenden Fesseln vergangener Zeiten, 
welche eine freie, menschenwürdige Entwicklung hemmen, abzustreifen, 
aus dem frisch vordringenden Leben der Gegenwart die faulenden Ueber-
        

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