Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1644758
Fünf 
tos Kapitel. 
Die Bih 
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selbst wenn unsere Frauen nicht so Inonströs eingeschnürt und auf- 
gebauscht, und wir Manner nicht so nüchtern eingewickelt waren, wie 
wir sind: schon der häufige Wechsel der Mode liesse das Auge nicht zu 
ruhigen Eindrücken kommen. Durch wie viele Wandlungen hat diese 
launenhaftestc und modernste aller Göttinnen bereits seit Canova's Auf- 
treten die heutige Welt hindurchgeschleppt, und mit welchen Ueber- 
raschungen beschenkt sie uns noch jeden Tag! Selbst an die ungünstigste 
'I'racht kann sich die Bildnerei gewöhnen, und selbst der widerstrebend- 
sten Form vermag sie einen gewissen plastischen Reiz abzugewinnen: 
aber wenn das Auge fortwährend in dem gestört wird, was es als die 
normalen Verhaltnisseeiner menschlichen Gestalt aufzufassen hat; wenn 
es sich bald an mathematisch dürre Parallelfiguren, bald an wandelnde 
(ilockenungeheuer als das allgemein Gültige der menschlichen Erschei- 
nung gewöhnen soll, so verliert es die Ruhe und die nothwendige Sicher- 
heit der [Feberzcugung in diesem kaleidoskopischen Wechsel der Formen. 
Wir verlangen heutigen Tages mit Recht, dass die gefeierten Männer 
unserer Geschichte, dass unsere Dichter, Denker und Befreier uns in 
voller lcibhaftiger Gestalt, wie sie unter uns gewandelt haben, nicht in 
einer antikisircnden Verkleidung vorgeführt werden; aber wir vergessen, 
dass wir dtuch-unsere modische Verandcrungssueht den Bildhaucrn die 
Lösung dieser Aufgabe tinendlich erschweren. 
Erwagt man dies Alles, so wird schon daraus die Nothwendigkeit 
des fortgesetzten Studiums der antiken Werke für unsere Plastik sich er- 
geben. Denn je weiter eine Zeit in ihrer äusseren Erscheinungsform sich 
von der menschlichen Schönheit ins Barbarische entfernt  und recht 
gründliche Barbaren sind wir in dieser Hinsicht  um so mehr thut ihr 
Noth, den gefährdeten Schönheitssinn zu starken und zu lautern durch 
die Schöpfungen einer Epoche, die Allem was sie hervorgebracht, das 
Gepräge des ewig Gültigen zu verleihen wusste. Und sogar die letzte 
Spur von Gefahr, die ehemals in solchen Studien liegen konnte, ist 
jetzt verschwunden. Denn wer vermöchte mit gelehrten Exercitien nach 
der Antike unserer Gegenwart den Eindruck eigenster künstlerischer 
Schöpfungen zu geben! Machen wir doch dieselbe Erfahrung so oft auf 
der Bühne, wo selbst die geistvollsten Reconstructionen antiker Stoffe 
keinen freien Herzensantheil mehr zu wecken vermögen. Unsere Kunst 
muss innerlich national sein, das heisst nicht in dem engherzigen politisch 
tendenziösen Sinn, den man so oft dabei unterlegt, sondern in der allein 
wahren Bedeutung, dass ihre Schöpfungen aus dem Boden unseres 
eigensten geistigen Lebens aufblühen. Halt man diese Grundlinie fest, 
so wird sich selbst aus dem allegorischsymbolischen Ziergarten, dessen 
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