Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1644271
Viertes Kapitel. 
Die Bildnerei von 
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Was endlich die Gewandung betrifft, so entspricht sie in Styllosigkeit hifaflpällllllfli: 
genau dem Uebrigen. Von der plastischen Bedeutung der Draperie hat  
Bernini keine Ahnung mehr, und es ist das der stärkste Beweis für die 
Macht einer falschen Mode, wenn man bedenkt, welche Masse der schön- 
sten Antiken dort das Auge überall umgiebt. Flatternd, banschend, 
unruhig, in Zipfeln auslaufend, den Körper nirgends mehr markirend, 
höchstens in widerliehem Raffinement ihn durchseheinen lassend, so zeigt 
sich die ganze ideale Ge1vandung dieser Zeit. Während in der früheren 
Epoche die Malerei sogar ihren Gewandstyl der Plastik und der Antike 
naehbildete und dadurch zu der nnvergleichlicli hohen Reinheit rafaelischer 
Gestalten durchdrang, alnnt die Plastik umgekehrt jetzt die entarteten 
Draperieen der Malerei nach. Und auch diese Entartung der Schwester- 
kunst ist in ihren ersten Keimen auf Correggio zurückzuführen, von wel- 
chem die Baroekzeit überhaupt am meisten gelernt hat. Aber sie bringt 
es dann in der Plastik so weit, (lass die Bewegung des Körpers nicht 
mehr das Motiv für den hastig wirren Faltenwurf abgiebt, sondern dass 
die Gewitnder sich eine selbständige Bewegung anmassen, die ebenso falsch 
und erlogen ist wie alles Uebrige.  
Ich beschränke mich im Folgenden darauf, einige der bezeiehnend- Aßltälläglfi 
sten Excesse, aber auch einige der besseren Werke der berninischen Rich- 
tung und Zeit hervorzuheben. Um mit den letzteren zu beginnen, sei zu- 
nächst das ltlarmorbild der todt daliegenden Caeilia in S. Oeeilia zu Rom 
als ein zwar malerisch gedachtes, aber innig und einfach empfundenes 
Werk des Slefano Madervza (1571- 1636) genannt. Bedeutender ist Riff-zzgl 
Franpois Duquesnny von Brüssel und deshalb „il Fiamrningo" genannt Dulwr-swnv 
(i 594__ 1644), der nicht allein in Kinderfignren äehte N aivetät entfaltete  
(n. A. die berühmte Brunnenfignr des Manneken-Pis in Brüssel), sondern 
auch in seiner h. Susanna (in S. ltlaria di Loreto zu Rom) nnd im kolos- 
salen S. Andreas (in der Peterskirche) Beweise einer schlichten, edlen 
Auffassung gab. 
Die Mehrzahl freilich, namentlich unter den Italienern, geht eifrig 
in den Irrwegen BerninYs. So Alessandro Algardi (1598-1654), dessen Alsßrdi- 
Darstellung des Attila, auf dem Altare Leois I. im linken Seitenschiü der 
Peterskirche, die ganze malerische Anssehweifung des (lamaligen Relief- 
styles, verbunden mit Reniiniseenzen aus Rafaels Freskohilde desselben 
Gegenstandes zeigt. Einer der atfektirtesten ist Francesco Mocclzi thwhi. 
(-1646), wie seine marmorne Verkündigung im Dom zu Orvieto be- 
weist. Maria und der Engel stehen auf Wolken, und während dieser in 
künstliehstei- Weise so dargestellt ist, dass er hastig im Fluge daher zu ' 
schweben scheint, nimmt die demüthige Magd des Herrn eine höchst thea-
        

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