Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1637785
Erstes B1 
niseher Gewalten, zeigt eine uns schon von Ninive her bekannte Gestalt: 
Löwenlcib mit Flügeln und einer Federmähne, die überdem gebogenen 
Ilalse wie ein Kamm empor-starrt; der Kopf ist, wie es scheint, mit drei 
Hörnern gekrönt, an deren einem der König das Ungeheuer ergreift. Die 
grössere Lebendigkeit, welche letzteres an den Tag legt, beweist, dass 
für die Thierdzirstellung doch auch den Persern die frischere läeilbzichtung 
nicht abhanden gekommen ist. Noch energischer gewahrt man das an einer 
anderen, cbendort befindlichen Reliefscene, wo ein gewaltiger Löwe, dies- 
mal ohne allen phantastischen Zusatz, mit ganzer Wucht über ein sich 
baumendes Thier, das fabelhafte Einhorn, herfallt, um es zu zerfleisehcn. 
Dies Einhorn ist nichts Anderes, als ein Stier, der statt eines Hörner- 
paares mitten vor der Stirn ein einzelnes grosses llorn trägt. Die (lrama- 
tische Bewegung beider 'I'hiergcstaltcn erinnert eben so sehr wie die kraft- 
volle Ausprägung der llluskulatur und die eonventionelle Stylistik ihres 
Haarsehinuekes an Kopf, Hals, Weichen und Selnveifbiiseliel an assy- 
rische Abstammung. Noch unmittelbarer springt dasselbe Verhältniss der 
Ableitung in die Augen bei zwei gewaltigen menschenhäilptigen, geflügel- 
ten Stieren, welche die Pfeiler des ehemaligen Ilauptportales schmücken. 
Nur darin weichen sie von ihren assyrischcil Vorgängern ab, dass der 
Künstler ihnen das überzählige fünfte Bein weislic-h genommen hat. 
Was ausserdem noch von Darstellungen zu finden ist, schildert den 
König sammt seinem reichen Hofstaat und den tributdarbringenden Ge- 
sandtsehaften seiner untergebenen Völker. Gleich beim Hinaufschreitcnl 
empfangen uns, an den 'I'reppenwangen in flachem Relief ausgemeisselt, 
die Leibwachen des Königs, imd ganze Reihen Tributdarbringender be- 
gleiten uns. So mögen zu Darius und Xerxes ehemals die zitternden 
Völkeulepiitatioiien des weiten Reiches an feierlichen Huldigungstagen 
diese breiten, sanft ansteigenden Marmorstufen hinaufgezogen sein, ehr- 
furchtsvoll gesenkten Hauptes, wie die Rclieftafeln sie heute noch zeigen. 
Auch den Herrscher selbst können wir uns deutlich vergegenwärtigen, 
denn er zeigt sich auf dem Relief einer Pfeilerivand des Palastes, wvürdevoll 
einhersehreitend, das Sceptcr in der Hand; hinter ihm tragen zwei Tra- 
banten den Sonnenschirm und den Facher. Die Gestalten sind eleganter, 
ruhiger, milder als die der assyrischen Kunst. Die' lang herabwallendtm 
Gewänder hüllen den ganzen Körper ein und geben dem Künstler nirgcud 
Veranlassung, seine Naturstudien an nackten Armen und Beinen wie zu 
Ninive zu erproben. Der sanfte Hauch einer stillen, milden Feierlichkeit 
liegt über dem Ganzen ausgebreitet. Man würde darin einen Zug zum 
Idealen vermuthen können, wenn irgend sonst der Inhalt dieser Dar- 
stellungen sich über das Niveau der einfachen Wirklichkeit zu erheben
        

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