Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1644248
700 
Viertes Buch. 
lerisch behandelt ist, bis zu diesem brutalen Pluto, dessen rohe Fäuste 
sich in das mürbe Fleisch der koketten Proserpina so widerlich eingraben, 
dass man die Göttin auf innncr mit blauen Flecken gekennzeichnet fühlt. 
Hier ist alles Raffinemeilt der Marmorbehandlung aufgeboten, um eine 
Wirkung hervor-zubringen, die jenseits der Griinzen ächter Kunst liegt. 
Es ist überhaupt bezeichnend, dass diese Zeit überwiegend sich dem Mar- 
mor zuwendet, dessen Schmelz und Schimmer solchen Gegenständen un- 
gleich mehr zu Statten kommt als das strengere Erz. Wie niedrig und 
gemein überhaupt die Auffassung Berninfs ist, beweist in der Villa B org- 
hese der jugendliche David, der mit krampfhafter Anspannung sich zum 
Schleudcrwurf anschiekt; beweist noch mehr das kolossale marmorne Rei- 
terstandbild Gonstantins in der Vorhalle von S. Peter. Seit diesem renom- 
mistisch hohlen Werke wurde das affektirt theatralische Einhersprengen 
Ideal für solche Reiterfiguren.  
Wo es gilt, einzelne Heiligenbilder, wie die h. Bibiana in ihrer Kirche 
zu Rom, der h. Longinus in einer der vier Pfeilernischen der Kuppel von 
S. Peter u. A.; oder wo es darauf ankommt, eine ganze Reihenfolge der- 
selben zu geben, wie die 162 nach Berninfs Zeichnungen angefertigten 
der Colonnaden von S. Peter, oder die Engelgestalten auf der Engels- 
brücke, da wird irgend ein Affekt des frommen Entzückens, Staunens, 
der Ekstase, ein Moment angeblich tiefen Versunkenseins in Andacht oder 
visionären Aufzur-kens, pathetisehen Deklamirens gewählt, um Abwech- 
selung hineinzubringen und bewegte, mannichfaltige Umrisse zu erzielen. 
Der geistige Gehalt solcher Werke ist meistens ganz nichtig, aber als 
blosse Dekoration betrachtet haben sie einen selbständigen Werth wegen 
der Sicherheit, mit welcher sie in klarer Silhouette sieh abzeichnen. Das 
gilt besonders von den als Bekrönung dienenden Statuen wie an der Fa- 
cade von S. Peter und mehr noch an der vom Lateran, wo sich die 
Figuren gegen die Luft äusserst wirksam absetzen. Das Resolute und 
Bestimmte in solchen ganz äusserlichen Arbeiten ist ein für die Architek- 
tur nicht gering anzusehlagendes Verdienst, hinter welchem nnsre meist 
lahmen und matten Leistungen dieser Gattung Weit zurückstellen. 
Mit besondrer Vorliebe wendet sich Bernini Darstellungen des Leidens 
zu. Bisweilen hält er in ihnen eine maassvoll edle Stimmung fest, wie sie 
etwa Guido Reni und Domenichino in ähnlichen Werken zeigen. In der 
Krypta der Kapelle des h. Andreas Oorsini im Lateran gehört die Gruppe 
der Pietas zu seinen wenigen Werken, in denen eine ächte Empfindung 
ausgesprochen ist. Von gleichem Gehalt erscheint der todte Christus, den 
man in der Krypta der Kathedrale zu Capua sieht. Nur freilich darf 
man auch in diesen Werken keine plastische Anlage suchen; denn das
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.