Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1644067
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Viertcs Buch. 
Anmuth giebt Goujon seinen Figuren meist überschlanke Verhältnisse, 
wie sie durch Primaticcio in Frankreich eingeführt und seitdem vor- 
herrschend wurden. Im Uebrigexi weiss er die Form mit feinem Ver- 
ständniss zu behandeln und durch einen zierlichen, nach römischen Ge- 
wandiiguren vielleicht etwas zu studirten Faltenwurf herxrorzuheben. Als 
eine Nachwirkung der oben (S. 643) besprochenen Oomposition Cellinfs 
kann man das leicht und anmuthig hingegossene, in den überschlanken 
Formen freilich auf eine mehr äusserliche Eleganz hinauslaufende Marmor- 
bild der ruhenden Diana betrachten (Fig. 211), das jetzt im Louvre 
aufbewahrt wird. Ursprünglich gehörte es zu einem Brunnen im Schlossc 
von Anet, welches Heinrich II. 1548 seiner Geliebten, Diana von Poitiers, 
erbauen liess. Im Kopfe der Statue glaubte man früher (ohne Grund) das 
Portrait jener Dame zu erkennen.  Die frühesten bekannten Werke 
(ioujoifs sind aber die Sculpturen vom Lettner in S. Germain PAuxerrQis, 
welche er von 1541-44 ausführte. Erhalten haben sich davon fünf 
jetzt im Louvre befindliche Reliefs der vier Evangelisten und einer Grab- 
legung Christi. Sie zeigen sämmtlich eine Feinheit der Behandlung und 
eine Klarheit des ächten Flachreliefstyls, wie sie in dieser Zeit nur aus- 
nahmsweise gefunden wird. Schlicht und dabei ergreifend ist die Grab- 
legung, selbst im leidenschaftlichen Ausdruck des Schmerzes noch würde- 
voll, bei reicher Durchführung doch von grossartiger Wirkung. Die 
Evangelisten neigen etwas zu michelangelesken Motiven, doch in ganz 
freier Empfindung und sehr bedeutsamer Charakteristik. Nicht minder 
vorzüglich bewährt sich der Meister an den um 1550 entstandenen Reliefs 
der Fontaine des Innocents, von denen drei in das Museum des Louvre 
versetzt sind. Die beiden Nymphen stehen zwar nicht ganz ungezu-"uiigeii 
auf dem engen Felde zwischen den beiden Pilastern; auch zeigen sie sehr 
gestreckte Verhältnisse; aber sie gehören doch wieder zum Anmuthigsten 
der Zeit und erfreuen durch die bescheidene Zartheit des Relicfstyls. Voll 
reizender Frische sind dann die ebenso behandelten auf Delphinen reiten- 
den schäkernden nackten Kinder. Aus derselben Zeit datiren die vier 
in den Gewändern überreichen Karyatiden in dem Sehweizersaale des 
Louvre.   
Ferner wird Gonjon das Grabmal zugeschrieben, welches Dizma von 
Poitieljs ihrem Gemahl, dem Herzog Louis von Breze (T 1531) in der 
Kathedrale zu Ronen setzen liess. Es ist sehr bezeichnend für die Zeit 
und die Stifterin, und die Hauptfigurcil rühren vielleicht wirklich von 
Goujon her. Wenigstens weiss man, dass er in Rouen 1541-42 für 
den Dom und S. Maelou thätig war. Der Aufbau des Ganzen in schul- 
mässig antikisireilden Formen entspricht- der herkömmlichen Anordnung.
        

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