Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643969
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Viertes Buch. 
voll vor sich Hiublickende, in tiefes Sinnen Verlorne, dem seit 
alter Zeit der bezeichnende Name „il pensiero" gegeben wurde, ist 
nicht wie bisher angenommen Lorenzo, sondern der schwermüthige 
Giuliano, Herzog von Nemours, dessen Geschick über die ganze Ge- 
stalt jenen unbeschreiblich melancholischen Zauber auszugiessen scheint. 
Lorenzo dagegen, der tapfere und kühne Herzog von Urbino, halt den 
Kommandostab ruhig in den Händen auf dem Schoos und scheint mit dem 
Auge des Feldherrn um sich zu blicken. Vergleicht man in Gedanken 
die Bilder mit dem Geschiehtlichen beider Persönlichkeiten, so ist nicht 
zu leugnen, dass eine grossartige und ergreifende ideale Charakteristik 
in diesen Gestalten lebt. Das Einfache der Behandlung, das Freie und 
Leichte der Stellung, besonders die ausdrucksvolle Haltung und Bildung 
der Hände, das Alles wirkt zu diesem bedeutsamen Eindruck zusammen. 
Wie Heroen, so erscheinen Beide über das gemein Menschliche hinaus- 
gehoben.  
Die sitzende Madonna, welche man zwischen den von Schülerhand 
nach Skizzen des Meisters ausgeführten Heiligen Cosmas und Damianus 
in derselben Kapelle sieht"), ist zwar unvollendet geblieben, aber dennoch 
spricht sie vernehmlicher und gewaltiger zum Beschauer, als die meisten 
Darstellungen desselben Gegenstandes. Michelangelo hat wieder eine 
Erhabenheit des Eindrucks erreicht, _die einen tragischen Grundton 
hat, und es ist gewiss bezeichnend, dass er in seinen Hauptdarstellungen 
der Madonna stets die ernste oder gar schmerzliche Saite anschlägt. Auch 
diese Madonna sitzt wie traumverloren da, das eine Knie über das andere 
geschlagen, mit der Rechten sich rückwärts auf ihrem Sitze stützend. 
Rittlings auf ihrem Schoosse und nach vorn gewendet sitzt der Kleine. 
Plötzlich überkommt ihn das Verlangen nach der Mutterbrust, und indem 
er gewaltsam den Oberkörper herumdreht, mit der Linken sich an der 
Schulter der Mutter festhält und mit der Rechten ihre Brust sucht, giebt 
er sich mit Eifer seinem kindlichen Genusse hin. Gewiss leidet auch 
Die Madonna 
in S.Lorenz0. 
Der Ad: 
dies Motiv an Absichtlichkeit und die Bewegung ist so gezwungen wie 
möglich: dennoch sind die Linien im Aufbau des Ganzen, in der Uebcr- 
schneidung der Theile so herrlich, und es schwebt ein so tiefer fast 
tragischer Hauch über der Gruppe, dass sie trotz jener Mängel und trotz 
ihres unfertigen Zustandes einen unauslösehlicheil Eindruck macht.  
Zu den Werken der späteren Lebenszeit Michelangelds gehört vor 
Allem die Marmorstatne des todt. hiugesunkenen Adonis in den Uffizien. 
 Diese drei Statuen waren ursprünglich für ein Grabmal 
bestimmt. Vasari, ed. Lszmonn. XIII. S. 29. Note. 
des Lorenzo Magnifico
        

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