Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643885
664 
Viertes Buch. 
äeht plastisch gedacht, mit dem feinsten Liniengefühl aufgebaut; die For- 
men des nackten Christuskörpers so maassvoll und bescheiden behandelt, 
dass der geistige Gehalt in den herrlichen Köpfen zur vollen Wirkung 
kommt. Vor Allem aber gipfelt das Ganze in dem edel verklärten Schmer- 
zensantlitz der Mutter. 
Madonna zu 
Bniggc. 
David 
Flure: 
Ein Nachklang dieser tragischen Empfindung schwebt über der 
schönen Gruppe der Maria mit dem Kinde, in der Liebfrauenkirehe zu 
Brügge. Ziemlich in Lebensgrösse sitzt die h. Jungfrau da, die rechte 
Hand ruht mit einem Buche auf dem Schoossc, und die Linke halt das 
ganz nackte, zwischen ihren Füssen stehende Kind, während der Kleine 
seine Linke Hand um den linken Schenkel der Mutter schlingt. Die ganze 
Anordnung ist ebenso schön, einfach und grossartig wie der Ausdruck 
von ergreifender Tiefe. Der Kopf der Mutter ist schmal, mit etwas ein- 
gefallenen Wangen; die nach der rechten Seite blickenden Augen sind 
halbgeschlossen, wie wenn Gram sie umiiorte. Tritt man weiter zurück, 
so wirkt gerade diese Behandlung der Augen ergreifend, weil dann das Hell- 
dunkel in den Augenhöhlen den geistigsten Eindruck hervorbringt. Auch 
der Kleine scheint mit halbgeötfrleten Augen in sehmerzliehes Nachsinnen 
versunken, als sei er von dem Gram der Mutter kindlich mit ergriiien. Je 
mehr bei längerer Betrachtung der Eindruck wächst, um so deutlicher er- 
kennt man in diesem edlen Frauenkopfe den tiefen Seelenschmerz, die 
göttliche Bekümmerniss über die Sünde und die Flut der Leiden, welche 
durch dieselbe über ihr Kind hereinbreehen wird. Das grossartig Ernste, 
von allem Herkömmlichen Abweichende der Auffassung zeigt schon hier 
den Meister ganz auf der Höhe seiner Selbständigkeitf"). 
Die nächsten Auftrage, die Michelangelo zu Theil wurden, beweisen 
zur Genüge, welches Vertrauen seine Zeitgenossen schon damals in seine 
Kraft setzten. Im Jahre 1501 übertrug der Kardinal Piccololnini ihm 
fünfzehn Marmorbilder für den Dom von Siena; von denen indess, wie es 
scheint, keine einzige fertig werden sollte. In demselben Jahre überliess 
die Domverwaltung seiner Vaterstadtihm einen ganz verhauenen Marmor- 
bloek, aus welchem er sich anheischig machte, einen kolossalen David zu 
meissehi. Und wirklich gelang ihm das schwierige Werk, und die Arbeit 
ging so rasch von Statten, dass am 25. Januar 1504 eine Commission 
der ersten Florentiner Künstler, darunter Meister wie Andrea Sansovino 
Ä") H. Grimm, Michelangelo I. S. 459. Note 21, gebührt das Verdienst, die ge- 
schichtliche Ilerkunft der Madonna von Brügge und ihre Identität mit der von Con- 
divi und Vasari erwähnten irrthümlieh als Bronzewerk bezeichneten Madonna nach- 
gewiesen zu haben. Ein llandriseher Knufherr Pierre Moseron ("Moseherone") 
bestellte das Werk, unter welchem sein Grabstein noch jetzt zu sehen ist.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.