Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643865
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Viertes Buch. 
in der ächten Tragödie. Und was schliesslich immer von Neuem uns sym- 
pathisch hinzieht, _selbst zu -jenen unter seinen Gestalten, die uns zuerst 
abgestossen haben, das ist: sie sind dem Besten in uns, dem Streben 
nach allem Hohen, Idealen innig wahlverwandt; sie sind, so erhaben immer 
über menschliches Maass, Fleisch von unsrem Fleisch, Geist von unsrem 
Geist. Wir ahnen noch mehr in ihnen, als was wir in ihnen schauen, 
und darin beruht das Geheimnissvolle der modernen Subjektivität. In so- 
fern nimmt denn auch Michelangelo das Streben Donatello's auf höherer 
Stufe wieder auf. Jener verschmähte die Schönheit, um der Fülle be- 
wegten ausseren Lebens nachzugehen; dieser verachtet sie, weil sie der 
Entfaltung des inncrlichsten Gedankenlebens im Wege steht.  
Wir haben durch chronologische Betrachtimg seiner plastischen Werke 
den Entwicklimgsgang Michelangelols uns vor Augen zu bringen. Von 
Anfang an war für ihn von grösster Bedeutung, dass er noch als jugend- 
licher Schüler des Malers Domenico Ghirlandajo dem kimstliebenden Lo- 
renzo de' Medici empfohlen wurde, als dieser sich nach talentvollen Jüng- 
lingen erkundigte, um sie für die Plastik ausbilden zu lassen. Lorcnzo 
hatte bei seinem Palaste in den Gärten von San Marco eine Sammlung an- 
tiker Sculpturiverke aufgestellt, nach welcher Donatello's Schüler Bcrtoldo 
die Studien der jungen Bildhauer leitete. So leidenschaftlich crgriifMichel- 
angelo die neue Thätigkeit rmd so rasch entwickelte er sich, dass er schon 
in seinem siebzehnten Jahre auf des gelehrten Poliziano Anregung in einem 
Marmorrelief Herkules Kampf mit den Kentauren darstellte. Die Arbeit, 
welche noch im Pal. Buonarroti zu Florenz aufbewahrt wird f), verrath 
durch das Feuer und den Geist der Composition, durch die wundersame 
Lebendigkeit der Gruppen und Bewegrmgen die ungewöhnliche Begabung 
des jugendlichen Meisters, der sich freilich dabei einer gewissen Ueber- 
fülhlng in der Anordnung um so weniger enthalten konnte, als die antik- 
römischen Reliefs nach dieser Seite hin Alles zu erlauben schienen. Un- 
gefahr derselben Zeit (um 1492) wird das ebendort befindliche Flachrelief 
einer Madonna, die ihrem Kinde die Brust giebt, angehören, ein Werk, 
das sich durch seine ideale Schönheit von den gleichzeitigen Schöpfungen 
der übrigen florentiner Bildhauer merklich unterscheidet. Von der vier 
Ellen hohen Herkulesstatue, die er 1492 arbeitete und welche in den Be- 
sitz Franz I. von Frankreich kam, ist dagegen jede Spur verloren. 
Nach Vertreibung der Medici (8. November 1494) ging Michelangelo 
nach Bologna, wo er für das Grab des h. Dominicus in S.Domenico den 
einen der kandelaberhaltenden Engel (links vom Beschauer) arbeitete. 
a4) Vergl- 
die Ab! 
in Cicugn m'a II.
        

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