Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643846
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Viertes Buch. 
die Sibyllen und Propheten der sixtinisehen Kapelle, sind plastische Ge- 
danken, und zwar von den höchsten, deren die neuere Kunst fähig war. 
Um der menschlichen Gestalt völlig Herr zu werden, gab der junge Michel- 
angelo sich lange Jahre hindurch einem anatomischen Studium hin, wie 
es so erschöpfend kein zweiter moderner Meister betrieben hat. Für ihn 
zum ersten Male seit den Zeiten der Alten war die menschliche Gestalt in 
voller Herrlichkeit wieder um ihrer selbst willen da. 
Sie in allen erdenk- 
liehen Stellungen und Verkürzungen zur Geltung zu bringen, sie so gross 
UJJÖ. frei in der breitesten Formbehandlung vorzuführen wie die Alten, das 
war recht eigentlich das Ziel seines Strebens. Um in solchem Glück zu 
schwelgen, stellte er sich stets neue Probleme, suchte stets neue Schwie- 
rigkeiten auf, schaltete er zuletzt in kühner Willkür mit den Bedingungen 
des menschlichen Organismus. 
 Was konnte solchem titanischen Ringen der Stoifkreis seinerZeit bie- 
ten? Die christlichen Gestalten und der geistige Inhalt, der sie beseelt, 
waren am Wenigsten geeignet, sich einer Kunst zu fügen, deren Zielpunkt 
die Verherrlichung des menschlichen Körpers in seiner reinen Schönheit 
war. Die antike Mythologie war abgestorben, und wenn auch bisweilen 
eine mythologische Aufgabe sich dar-bot, so war die Gelegenheit zu selten, 
und der Gegenstand, bei aller Begeisterung für das Alterthum, doch dem 
modernen subjektiven Bewusstsein zu fern gerückt. Noch weiter lag das 
Geschichtliche mit seinen scharf umrissenen individuellen Zügen dem Ge- 
nius Michelangelds. Es blieb also nichts übrig, als das Reich der Alle; 
gorie, eine bedenkliche Gattung, deren schwankende Gestalten indess 
noch am ersten den subjektiven Gedanken des Meisters sich als Träger 
darboten. Damit war aber zugleich der Willkür in gefährlicher Weise 
Thor und Thür geötfnet. Zum ersten Male tritt durch Michelangelo die 
rücksichtslose Subjektivität hcrrschend in die Kunstwelt. Sie erkennt 
keine objektiven Gestalten in ihrem absoluten Rechte an; sie lasst sich 
durch keine Tradition mehr leiten. Sie vergräbt sich in ihre innersten 
Inspirationen und ringt mit Anstrengung danach, ihnen zur grossartigsten 
Erscheinung zu verhelfen. Das gesammte Schaffen Michelangelds ist ein 
unablässiger Kampf erhabenster Ideen, die aus der wunderbaren Tiefe 
seines Seelenlebens zu Tage streben, und deren lürscheinung daher alle 
Spuren dieser gewaltigen inneren Erschütterungen an der Stirn tragt. Vor 
diesen Werken giebt es kein ruhiges Geniessen. Sie reissen uns unwider- 
stehlich in ihr leidenschaftliches Leben hinein und machen uns, wir mögen 
wollen oder nicht, zu Genossen ihrer tragischen Geschicke. Das ist der 
Eindruck, welchen auch die Zeitgenossen meinen, wenn sie von dem 
Furchtbaren ("terribile") der Werke des Meisters sprechen.
        

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