Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643589
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Viertes 
Buch. 
Wege und traten schliesslich nur noch mit frostiger Ostentation zu einer 
rein ausserlichen, mehr scheinbaren als wirklichen Verbindung zusammen. 
Wie indess auch die Co nsequenzen dieser neuen Richtung zum schliess- 
liehen Verderben der Plastik führen mochten: die Anfange, die sie im 
Beginn des 16. Jahrhunderts machte, und deren Naehklänge sich noch 
ziemlich rein bis gegen 1540 erkennen lassen, waren überaus herrlich. 
Durch den gewissenhaften Naturalismus der früheren Epoche geschult, 
warf die Bildnerei jetzt alle inneren Schranken jenes Styles ab und erhob 
sich zu einer Freiheit und Schönheit, die ihre Leistungen einen Augen- 
blick mit den Glanzwerken der antik-römischen Plastik wetteifern liessen. 
Die Verschmelzung christlicher Ideen mit antiker Form schien gerade in 
ihren Schöpfungen ihre Verherrlichung zu feiern. Eine grosse Auffassung, 
eine breite, markige Behandlung, eine wahrhaft plastische Oompositiou, 
das sind die Vorzüge der edelsten Werke dieser Zeit. Die Einzelgestalt, 
die Gruppe werden nicht mehr nach malerischen Gesetzen angelegt, sen- 
dern mit aller Energie und mit grossem Erfolge wird nach klarer Entfal- 
trmg der Form, nach harmonischem Aufbau und acht plastischer Durch- 
bildung gestrebt. Selbst für die Gewandung erobert man für kurze Zeit 
jenes für die Bildnerei einzig wahre Prinzip zurück, das in der Antike 
herrscht, und dessen Ziel die Verdeutlichung der Gestalt in ihrem Bau 
und ihren Bewegungen durch den beseelten Fluss des Faltenwurfes ist. 
Nur das Relief bleibt auch in dieser Epoche, wenige Ausnahmen abge- 
rechnet, in den Geleisen des malerisch überfüllten Styles der früheren Zeit. 
Denn hier verführtcn gerade die Beispiele der Alten, die man überall vor 
Augen hatte, verführten besonders die gedrangten Oompositionen römi- 
scher Sarkophage zu diesem Iriwveg, auf welchem eine Masse von Talent 
geradezu geopfert wurde. 
Indem man also die Naturauffassung durch erneutes und vertieftes 
Studium der Antike läuterte, erhob man sich zu einem Idealismus, der 
in den besten Werken dieser Epoche ganz rein und gross erscheint, weil 
er absichtslos ein Höchstes in vollendeten Formen ausprägt. Das plastische 
Werk wird nun nicht mehr als dekorativer Theil der Architektur, sondern 
für sich selbständig, für sich vollgültig hingestellt. Damit wachst auch 
der Maassstab, und je mehr diese ganze Zeit auf das Bedeutende und Er- 
habene hinzielt, desto allgemeiner sucht sie es auch in überlebensgrossen 
Formen zu erreichen. Die Lebenszeit Rafacls (bis 1520) bezeichnet aber 
streng genommen auch die Granze dieser goldenen Zeit. Um die Kürze 
derselben zu erklären, genügt es nicht darauf hinzuweisen, dass überall 
das Aufsteigen zu einem Ziele ein langsames und mühevolles, das Ver- 
weilen auf der Höhe aber nur ein kurzes ist; dass die lllenschennatur jene
        

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