Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643537
Zweites Kapitel. 
Nordische Bildnerei von 1450 
1559. 
629 
durch einen Faustschlag das Nasenbein Michelangelos zerschmetterte, 
musste er flüchten, kam zuerst nach Rom und dann nach England, wo er 
mehrere bedeutende Aufträge erhielt. Er war es, der die Renaissance 
nach England verpflanzte. Sein Hauptwerk ist das Grabmal Heinrichs VII. 
und seiner Gemalin in Westminster, welches 1519 vollendet und mit tau- 
send Pfund Sterling bezahlt wurde. Er brachte dabei jene opulente 
Form eines aus Arkaden von schwarzem Marmor bestehenden Freibaues 
zur Anwendung, welche aus Italien gleichzeitig ihren Weg nach S. Denis 
gefunden hatte. Reiche Dekoration, Statuen und Reliefs schmücken das 
Ganze. Die Gestalten des Königs und der Königin, prachtvoll in vergol- 
detem Erz ausgeführt, sind höchst edel, von schlichter Naturwahrheit, 
fein durchgebildet und dabei grossartig aufgefasst. Die wappenhaltenden 
Engel auf den Ecken sind frisch und naiv etwa im Charakter eines Luca 
della Robbia. Auch die kleinen zierlichen Relief-Medaillons am Sarkophag 
sowie die Heiligengestalten gehören zu den tretflichsten Arbeiten dieser Art. 
 Gewiss mit Recht schreibt man dem Torrigiano auch das ebendort be- 
findliche Grabmal der Mutter Heinrichs VII., Margaretha von Richmond, 
(T 1509) zu. Von ähnlicher Anlage, scheint es das erste Werk zu sein, 
welches er in England geschaffen hat. Die Gestalt der Verstorbenen ist 
in einem grossartigen, doch edlen und ausdrucksvollen Naturalismus auf- 
gefasst. Im Jahre 1518 am 5. Januar, als das Denkmal Heinrichs VII. 
seiner Vollendung bereits nahe war, verpflichtete der Künstler sich, ein 
ähnliches, aber um ein Viertel grösseres Monument für Heinrich VIII. 
und dessen Gemalin IKatharina von Arragonien anzufertigen und dasselbe 
in vier Jahren zu vollenden. Es kam aber nicht zur Ausführung, denn 
aus unbekannten Gründen ging Torrigiano 1519 nach Spanien, um dort 
sein Heil zu versuchen. Vieles soll er daselbst, wie Vasari erzählt, aus- 
geführt haben; aber nachzuweisen als acht ist nur ein überlebensgrosser 
h. Hieronymus von gebranntem Thon im Convent von Buena Vista zu Se- 
villa. Der Heilige ist knieend in affektvoller Bewegung dargestellt, in 
so grossartigem und edlem Naturalismus, wie ihn wenige gleichzeitige 
Werke zeigen k). Torrigiands Thätigkeit nahm ein frühes Ende, denn 
1522 fiel er als Opfer der Inquisition.  
Wir haben nun zum Schluss einen Blick nach Spanien H) zu werfen, 
wo unter Ferdinand und Isabella die Kunst einen glänzenden Aufschvmng 
nahm. Es ist bezeichnend, dass dasselbe Fürstenpaar, welches die Grösse 
des Reiches begründet, die Gewalt des Feudalismus bricht, die letzten 
Plastik in 
Spanien. 
l") Ich Llflillellß nach dem Abgnss im Glaspalast zu Sydcnham. 
H) Einiges bildliche lllaterial bietet Villa xlmil, Espaüa artistica y monumental.
        

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