Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643484
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Viertes Buch. 
S. Denis 
Grnb Lud- 
wig"s XII. 
Kinder Karls VI1I., von denen das jüngere nur 25 Tage lebte, das andere 
etwas über 3 Jahr alt wurde" Genien halten die Wappen auf dem Sarko- 
phag, der ganz mit zierlichen (wohl restaurirtcn) Ambeskeii bedeckt ist. 
Auf dem Deckel ruht das lieblichste und unschuldigste Kinderpaai- still 
neben einander. Das Kleinere halt die Händchen unter dem Herme- 
linmantelchen, das Aeltere legt die seinigen fromm über einander. Die 
Gewänder, die feinen Gesichter mit den krausen Löckchen und den weichen 
Augenliedern, das Alles ist von köstlicher Zartheit. Am Kopfende knicen 
voll inniger Hingebung zwei reizende Engel im Gebet.  Eine glänzender-e 
Aufgabe löste dieser trefflichc Meister an dem um 1.530 ausgeführten et") 
Grabmal Ludwigs XII. und seiner Gemalin Anna von Bretagne in der 
Kirche von S. Denis. Der Aufbau ist in der elegantesten Renaissance mit 
musterhaft feiner Dekoration durchgeführt. Die Gesammtform dieses und 
der nachfolgenden Königsgräber lasst sich auf jenes Praehtdenkmal des 
Gian GaleazzdVisconti in der Certosa bei Pavia (S. 512) zurückführen. 
Es sind Freibauten von durchbrochenem Arkaden, welche, mit Figuren von 
Heiligen und von Tugenden geschmückt, den Sarkophag umgeben. Aber 
während in Italien der Todte wie im Schlummer ausgestreckt daliegt, und 
die oberen Theile des Denkmals mit Idealgestalten der Sehutzpatrone und 
der Madonna ausgestattet sind, tauchen diese französischen Königsgräibißr 
tief in den nordischen Realismus ein. Denn es tritt an ihnen jene herbe, 
durch den Kontrast mit den zierlichsten Kunstformen nur noch schneiden- 
dere Auffassung hervor, dass unten auf der Bahre die Leichen der Gestor- 
benen in grausiger Wahrheit des Todes ausgestreckt liegen, während oben 
auf der Plattform dieselben als noch Lebende im Gebete knieend dargestellt 
sind. Es war eben die Zeit, welche sich in schroffen (iegensatzen 
gefiel und mit Vorliebe die Todtentanze und ähnliche erschütternde Schil- 
derungen mitten in das glänzend bewegte Leben hineinwarfl Die ausge- 
streckten nackten Gestalten des verstorbenen Königspaares sind von 
grossartiger Auffassung, scharf und markig in unverschleicrter Wahrheit, 
die Körper in einem herben Naturalismus durchgeführt, die Köpfe von 
mächtig ergreifendem Ausdruck, namentlich der starr zurückgeworfene der 
Königin. Die oben knieendcn Statuen, ebenfalls von Marmor, sind ganz 
schlicht und innig, voll charakteristischen Ausdrucks, die Gewänder in 
grossem Faltenwurf edel geordnetü Mit diesen Gestalten erreicht die fi-an- 
züsische Plastik ihre klassische Vollendung. Von anderer Hand, wohl auch 
später und von geringerem, dabei ungleichem WVerthe sind die übrigen, 
a") 1m J ahr 1531 trägt Franz I. dem Kardinal Duprat auf, Jean J uste von Tours 
das marmorne Grabmal des "feux roy Loys et Royne Anne" zu bezahlen.
        

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