Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643468
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Viertes Buch. 
Das Ganze ist ein später, recht tüchtiger, aber doch etwas markloser Nach- 
klang des 15. Jahrhunderts.  
Während in solchen kirchlichen Werken die ältere Auffassung 
ziemlich unbeirrt sich behauptet, geht mit den Grabdenkmälern eine 
Umwandlung zu Gunsten des neuen italienisirenden Geschmackes vor sich. 
Glanz und Macht des Fürstenthumes führen die Renaissance gleichsam 
officiell in Frankreich ein, stellen ihr eine Reihe von Aufgaben überwie- 
gend weltlicher Art, deren Zweck und Mittelpunkt die Verherrlichung der 
vornehmen Stande ausmacht, und verlangen dafür die möglichst elegante 
und prunkvolle Lösung. In Gesammtanlage, Auffassung, Formbeliaiulluiig 
sehliesst man sich dem von Italien durch eine Anzahl von Künstlern ein- 
gedrungenen Style an und sucht sich desselben nach Kräften zu bemäch- 
tigen. Daher sind diese französischen Werke, in erster Linie die Grab- 
mäler, gewöhnlich reicher, prächtiger als die deutschen; aber es fehlt ihnen 
der frischere Lebenshauoh eines in allen Zügen selbständig schaffenden 
und vordringendeil Kunstgeistes. Viel früher als in Deutschland fliesst 
bei ihnen etwas Aeusserliches, Conventionelles in die Schöpfungen hinein 
und geht zu einer Weichen Eleganz über, in welcher man das Wehen der 
Hofluft zu erkennen meint. Damit hängt auch die Vorliebe für das Material 
des wcissen Marmors zusammen. Bisweilen aber verbinden sich Feinheit 
der Naturautfassung und Innigkeit der Empiindung mit einer lauteren und 
grossen Formbehandlung zu schönstem Adel. 
Im Museum des Louvre, Abtheilung der modernen Sculptur, kann 
man an einer Reihe von Denkmälern die Entwicklung der französischen 
Bildncrei verfolgen. Die liebenswürdig zarte Marmorbüste einer jungen 
Frau (N0. 79 des Katalogs) mit einfachem unschuldigein Ausdruck eröffnet 
den Reigen. Dann folgt, ebenfalls noch aus dem 15. Jahrhundert, die 
treffliche Marmorstatue des Peter von Evreux Navarra, treu und schlicht 
in der Auffassung, Kopf und Hände mit feinem Natursinn durchgeführt. 
Der zurückgeschlagenc Waffenrock giebt ein glückliches Motiv des Falten- 
Wurfs. Die Statue seiner Gemalin Katharina von Aleneon ist noch 
edler, in schlichtem Gewande und maassvoll schönem Style. Beide Bilder 
stammen aus der Karthäuserkirche zu Paris. Nicht minder trefflich ist 
die aus dem Convent der Cölestiner in das Museum gelangte Marmorstatue 
der Herzogin Anna von Burgund (T4432). Bei höchst einfacher Behand- 
lung des Gewandes verrath der ausdrucksvolle Kopf ein stilles inneres 
Leben und eine ruhige Sammlung des Gemüthes, wie sie solchen Monu- 
menten am schönsten entspricht. Das Maass detaillirender Charakteristik 
der Formen ist schon etwas grösser, doeh ohne den geistigen Gehalt zu 
übertönen. Alle diese Werke gehören wohl erst den letzten Deeennien
        

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