Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643456
Zweites Kapitel. 
Nordische Bildnerei von 1450 
1550. 
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sind die Köpfe von hoherEncrgie desAusdrucks.  Den Abschluss dieser 
grossen Arbeiten bilden endlich im nördlichen Querarm die vier schon 
ziemlich manierirten Darstellungen am Grabmal des Meisters Jehan Wyts, 
welche das "Atrium" (Austreibung der Verkäufer aus dem Tempel), „Ta- 
bernaeulum," "Sancta" und "Sancta Sanctorum" schildern.  
Fasst man diesen beispiellos reichen Cyklus von Arbeiten zusammen, 
so muss die Energie in Erstaunen setzen, mit welcher hier das beginnende 
'16. Jahrhundert mit Dem zu wetteifern sucht, was das dreizehnte am 
Aeusseren der Kathedrale geschaffen hatte. Der Gegensatz der realistisch- 
historischen und der symbolisch-allegorischen Atuiassting ist selten so 
nahe und in so bedeutenden Beispielen zusammengedrangt. Die stylisti- 
sehen Vorzüge der älteren und die naturalistischen Verdienste der jüngeren 
Kunst treten in ganzer Bestimmtheit hervor. Dass nach der Anschauung 
seiner Zeitgenossen der Meister des 16. Jahrhunderts den Sieg behauptete, 
leidet wohl keinen Zweifel. Wir freilich erkennen auf den ersten Blick, 
wie viel an Schönheit und Adel, an Klarheit der Reliefbehandlung, mit 
einem Wort an ächtem Stylgefühl der neuere Meister aufgab, um dem 
Durste nach vollen Zügen aus der Wirklichkeit um jeden Preis zu 
Resultat. 
genügen. 
Von verwandter Art scheint der bildnerisehe Schmuck an den Chor- 
sehrailken der Kathedrale von Alby im südlichen Frankreich zu sein, 
während die drei in Alabaster ausgeführten Reliefs der Verkündigung, 
Anbetung der Könige und Geisselung Christi in der Kirche zu Roseoff 
an der Nordküste der Bretagne einen späten, liebenswürdigen Nachzügler 
des gothischen Styles verrathen. Aber selbst wo die architektonischen 
Formen der zierlichen Frührenaissance angehören, behalten die kirchlichen 
Sculpturen oft die alte Naivetät der Auffassung. So die Reliefs an der 
reizenden Kanzel von S. Nicolas in Troyes, nach 1525 in Holz ausge- 
führt und in der ganzen Anlage an die berühmte Kanzel von S. Croee zu 
Florenz (S. 503) erinnernd." Sie erzählen in guter lebendiger Anordnung 
die Geschichte des heiligen Kirchenpatroncs und verbinden antikisircnde 
Formen mit Innigkeit der Empfindung und Schärfe der Chamkteristik. 
Aehnlieh zierliche Reliefsceilcn aus dem Leben Christi sieht man am Lett- 
ner "der unfern Troyes gelegenen Kirche von Villeniaur.  Endlich ist 
noch eine grosse bemalte Steingruppe der Grablegung in der Krypta der 
Kathedrale von Bourges vom Jahre 1545 zu nennen. Christus, würdig 
aufgefasst, aber mit dem vollen naturalistisch durchgeführten Ausdruck 
des Leidens, wird von Joseph von Arimathia und Nikodemus gehalten. 
Dahinter stehen Johannes, der die ohninächtige Mutter auffängt, und Mag- 
dalena mit dem Salböl, nebenan einige andere Figuren und der Stifter.
        

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