Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643435
Zweites Kapitel. 
Nordische Bildncrei von 
1550. 
619 
zenden Tabernakeln, die mit Fialen und geschweiften Bögen gekrönt sind; 
die Figuren zum Theil ganz freistehend, die Gruppen malerisch vertieft, 
doch nicht überfüllt und meistens gut angeordnet. Einige Seenen aus der 
Geschichte Christi verrathen eine ungeschickte Hand durch ihre steifen 
Bewegungen und die breiten stumpfnasigen Köpfe mit scharfen Backen- 
knochen und blödem Äusdruek. Dagegen spricht sich der Realismus der 
Zeit beim Tode, der Grablegung und der Krönung hiaria in wohl motivir- 
ten, bei allem Reichthnm doch nicht knitterigen Gewändern und in a11- 
muthig edlen Köpfen wohlthuend aus. Besonders ergreifend und bedeu- 
tend sind freilich auch diese Werke nicht. Den letzteren entsprechen an 
der Südseite acht Scenen aus dem Leben Maria, zum Theil gemüthlich 
naiv und in anziehend weichem Styl, mehrfach jedoch stark restaurirt. 
Später, realistischer und im Ganzen werthvoller sind die höchst um- 
fangreichen Bildwerke an den Chorschranken der Kathedrale zu Amiens, 
von allen ähnlichen Werken wohl die luxuriösesten. An der Nordseite 
sieht man in ausgedehnten Reliefs mit beigeschriebenen naiven französi- 
schen Versent) und der Jahrzahl 1531 die Geschichte des Täufers Johan- 
nes. Es sind, umfasst von reichen Spitzbogennisehen, überragt von zier- 
lichen Maasswerken, vier grosse Bilder in stark erhobener Darstellung, 
perspektivisch vertieft in malerischer Anordnung, Alles trefflich bemalt 
und vergoldet. Die Compositionen ausserst lebendig und doch klar, die 
ausdrucksvollen Köpfe individuell durchgebildet, die Gewänder der-Neben- 
iigtiren im glitnzendsten Zeitkostüm, die Körper tüchtig entwickelt, auch 
das Nackte mit Verständniss ausgeführt, gehören diese Arbeiten zu den 
werthvollsten Leistungen, welche die kirchliche Plastik dieser Epoche in 
Frankreichhervorgebracht. Zuerst ist dargestellt, wie Johannes Christum 
sieht und ihn der staunenden Menge zeigt; dann Johannes Predigt in der 
Wüste, und die Taufe Christi, diese besonders schön und einfach ange- 
ordnet; endlich nochmals Johannes als Bussprediger, wobei die zuhörende 
Menge recht lebendig geschildert wird. Die zweite (östliche) Abtheilting 
umfasst wieder vier Scencn: die Gefangennahme des h. Johannes; das im 
Zeitkostiim genrcartig durchgeführte Festmahl, wo Herodias das Haupt 
des, Busspredigers verlangt; seine Enthauptung und zuletzt abermals eine 
Tafelscene, wo das abgeschlagene Haupt auf den Tisch gesetzt wird, He- 
rodias ihm die Augen aussticht, ihre '1'0chter darob in Ohnmacht fallt und 
von einem artigen jungen Manne aufgefangen wird, während ein Page 
1') Z. Beisp.: "Sainct J chan voyant Jhesus vers luy mareher 
Vecy le agneau de dicu (dict yl) tres eher. 
Interrogue Sainct Jehan quy il estoit, 
Dict est ce voix quy au desert preschoit." etc. 
Chor- 
schranken 
zu Amiens. 
Nnrdseih
        

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