Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643424
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Viertes 
Buch. 
Kirchliche 
Sculpturnän- 
Holz- 
scnlptur. 
S. Denis. 
Connmingcs. 
Ikonen. 
Steinarbeit. 
Chor- 
schranken zu 
Chartres. 
getrieben hat. Wie aber die Plastik aus dem Wetteifer mit der Schwester- 
kunst immer neue Anregung schöpft, sahen wir sowohl in Italien wie in 
Deutschland. 
Zunächst lässt sich, wenn man an einigen der spatgothisehen Kirchen 
in Pari s Umschau hält, das greisenhafte Versiegen der Bildnerei erkennen. 
Die Seulpturen in der 1435 erbauten Vorhalle von S. Germain l'Auxerrois 
folgen in überaus schlanken Verhältnissen noch dem früheren idealistischen 
Styl. Dagegen lassen die Bildwerke am Portal von S. Merry (um 1520) 
mit ihren ausserst kurzen, derben Figuren keinen Hauch mehr von jener 
älteren Auffassung erkennen. Recht würdig ist in S. Etienne du Mont die 
Stcingrnppe des von den Seinigen betrauerten todten Christus, zwar nicht 
von besonderer Kraft und Tiefe des Ausdrucks, aber doch innig empfun- 
den und ohne realistische Uebertreibung durchgeführt.  Gering und 
dürftig sind dagegen die Bildwcrke am südlichen Quersehiffportal von S. 
Remy zu Rheims, und geradezu ins Wirre und Manierirte fällt die Relief- 
darstellung eines jüngsten Gerichtes am Tympanon in der Vorhalle von 
S. Maelou zu Rouen. 
Einen Schnitzaltar, für Frankreich eine Seltenheit, sieht man in der 
ersten nördlichen Kapelle der Kirche von S. Denis. Er enthält in zier- 
lich durchgeführten Reliefs, etwa vom Anfange des 16. Jahrhunderts, die 
Lcidensgeschichte Christi in dem malerisch lebendigen, aber doch noch 
ziemlich gemassigton Styl der Zeit. Ein Hauptwerk der Holzsculptur 
sind aber die prachtvollen Chorstühle der Kathedrale von Amien s, in- 
schriftlich 1508 von Jean Trupln ausgeführt, an Reiehthum und Geschmack 
der zirchitektonischen Anlage, sowie an Bedeutung des bildnerischen 
Sehmuckes einzig mit denen des Ulmer Münsters zu vergleichen. Sie sind 
fast gänzlich bedeckt mit den Geschichten des alten und neuen Te-stalnents 
in lebendig entwickelten, zierlich ausgeführten Reliefs. Eine kaum minder 
glänzende Arbeit vom Jahre. 1535 scheinen die Chorstühle in S. Bertrand 
zu Comminges zu sein. In Rouen spricht sich eine glänzende Früh- 
renaissance in den geschnitzten Thüren von S. Maclou am nördlichen Por- 
tal der Faeade mit vortrefflichen biblischen Reliefs, und an der kleinen 
jetzt als Weinkeller dienenden Kirche S. Andre. aus. 
Im Uebrigen behauptet die Steinarbeit in jeder Hinsieht den Vorrang. 
Mehrmals fallen ihr noch bedeutende kirchliche Aufträge zu, wobei es 
indess bezeichnend ist, dass sie sich vom Aeussern mehr ins Innere zu- 
rückzieht und hier besonders an den prachtvollen Chorsehranken ein wei- 
tes Feld der Thatigkeit findet. Wohl noch aus der zweiten Ilalfte des 
15.Jahrluu1derts rühren die alten Theile der Schranken in der Kathedrale 
von Chartres. Die ersten acht Bilder der Nordseite stehen lmter glän-
        

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