Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643231
Zweites Kapitel. 
Nordische Bildncrci w 
m l45( 
1550. 
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sehe Details bereichert, hinzu. Alles das ist aber nicht blos geistsprühend 
und phantasievoll erfunden, sondern auch mit weiser Berücksichtigung des 
künstlerischen Ztveckes und des bestimmten Materiales i") angelegt, und 
mit einer jubelnden Lust in verselnvenderieliem Gedankenreiehthum durch- 
geführt, dass jeder Tadel schweigen und sich vor der Ueberlegenheit 
einer solchen wie aus einem Guss in die Form gcflossenen Schöpfung 
beugen muss. Wie. sinnreich schon, das Ganze auf die festen Schalen 
von Schnecken zu stellen! wie mannigfach sind die reichen Basen der 
Pfeiler, Säulen und Kandelaber, die zahlreichen Kapitale und Konsolen 
gebildet! und mit welcher künstlerischen Ueberlegung sind bei alledem die 
architektonischen Hauptlinien festgehalten, so dass derselbe Gedanke sieh 
in allen Regenbogenfarben der Phantasie spiegelt. 
Und doch gipfelt die Herrlichkeit des Ganzen völlig erst in dem rei- 
ehen bildnerischen Schmuck. An den Iilauptstellen, in der Augenhöhe des 
Beschauers, erheben sich an den Pfeilern des luftigen Gebäudes die idealen 
Pfeiler der Kirche, die Apostel (Blig. 178 bis 189). Es sind schlanke Gestal- 
ten in vollendeter Entwicklung defkörperliehen Erscheinung, theils mit mil- 
den theilsmit grossartigen Köpfen, ruhig in N aehsinnen versunken wie Judas, 
'I'haddäus und 'l'ho1nas, theils in wehmiitliigexn Ausdruck wie Bartholoniäus 
und Johannes, oder in erregterBewegung einander gegenüber tretend wie 
Philippus und Paulus, Simon und Andreas. Die Gewänder verbinden den 
idealen Schwung der besten gothisehen lüpoehe mit der reichen Mannig- 
faltigheit der Antike und dem vollen Lebensgefühl der neuen Zeit. Diese 
unübertroffen edlen Gestalten haben die nächste Verwandtschaft mit den 
Figuren Ghibertfs, welchem Vischer in Ileinheit und Adel derEmpiindung; 
überhaupt am nächsten steht. Nur mit dem Unterschiede, dass bei Ghi- 
berti die Antike, bei Viseher das Mittelalter starker hervorklingt. Letzteres 
(lrselwint um so klarer, als in mehreren dieser (lestalten, wie im Matthäus 
und (lem jüngeren Jakobus sogar eine leise Naelnvirkung der eonventio- 
nellen Haltung gothisehei- Figuren unverkennbar ist. Mit klarem Bewusst- 
sein hat der grosse lllPlStOF die Gebrechen des Realismus seiner Zeit erkannt 
und sich von der Befangenheit seiner früheren Werke vollkommen befreit. 
Es kann kaum zweifelhaft sein, dass der erste Anstoss dazu, sowie zur 
Aufnahme von Renaissanee-lilotiven ihm aus Italien gekommen ist. Aber 
er wurde (ladureh nicht zum Nachahmer, vielmehr wusste er die volks- 
 Gerade diesen Punkt, gewiss nicht den unwichtigsten, haben jene klugen 
Leute übersehen, die gegen die angebliche ßVilllaiir" des Meisters deklanniren, und 
denen er freilich nur dann genügt hätte, wenn er widersinnig genug gewesen wäre, 
die "consequenten" Formen irgend eines Steinstyles in sein Erz zu übersetzen.
        

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