Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643167
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Viertes Buch. 
Sculpturen Westfalen ist arm an Steinarbeiten dieser Epoche, und selbst an 
Westfalen. den zahlreichen, mit grossem Aufwand hergestellten Sakramentsgehausen, 
deren eins der grössten und schönsten in der katholischen Pfarrkirche zu 
Dortmund, steht der plastische Schmuck an Bedeutung weit hinter dem 
Ornamentalen zurück. S0 ist es auch an einem der üppigsten Lettner 
vom Anfange des 16. Jahrhunderts, dem sogenannten Apostelgang im 
Dom zu Münster. Von Grabsteinen dieser Epoche {möge nur der eines 
Grafen Bernhard von Lippe (T 1511) und seiner Gemalin Anna von 
Holstein, in der Kirche zu Blomberg genannt werden. Eine recht 
würdige Darstellung des Kalvarienberges mit den drei Kreuzen und den 
Gestalten der Maria, des Johannes und der Magdalena hat sich an der 
Jakobikirche zu Koesfeld erhalten. Vom Jahre 1488 datirt ein schön 
empfundenes, auch in den Gewändern edles Relief der Kreuzabnahme 
in einer Kapelle von S. Moritz bei Münster.  
 Etwas reichere Ausbeute gewähren die sächsischen Gegenden, obwohl 
von einer durchgreifenden Thatigkeit einheimischer Schulen nicht zu reden 
Ei-rm. ist. Zu den früheren Werken gehört in der Severikirchc zu Erfurt das 
Altarrelief eines trefflich bewegten S. Michael, sowie die Sculpturen des 
Taufsteins vom Jahre 1467. Hier mag denn auch der prächtige Lettner des 
Havelberg. Doms zu Havelberg Erwähnung finden, der sich vor späteren Arbeiten 
dieser Art durch reichen figürlichen Schmuck auszeichnet. Er enthält in 
vielen kräftigen Reliefs die Leidensgesehichte Christi, dazwischen auf Kon- 
solen die Statuen der Apostel und der Madonna, letztere noch im idealen 
gothischcn Gewandfluss. Aehnliche Reliefs sieht man ebendort an meh- 
Halberstadt. reren Altären. An dem glänzenden Lettner des Domes zu Halberstadt, 
 vom Jahre 1510, überwiegt das dekorative Element. Dagegen sind an 
Freiherg. der Kanzel im Dom zu Freib er g, die origineller Weise als riesige Tulpe 
gestaltet ist, plastische Arbeiten von selbständigem Werth und energisch 
durchgebildetem Styl. Die Treppe wird von einem Gesellen getragen, 
welcher alle Zeichen grosser Anstrengung zu erkennen giebt. Unten klet- 
tern zwischen den grossen Blumenranken vier reizend naive nackte Engel- 
knaben, von denen der eine humoristischer Weise mit einem Bergmamis- 
jäckehen bekleidet ist, aus welchem die Flügel possierlich hervor-brechen. 
Oben sitzen zwischen den Blumenblättern die grossen Brustbilder der vier 
Kirchenvater, deren Köpfe eine meisterhafte Feinheit portraitartigcr 
Charakteristik zeigen. Den Sehalldeckel krönt eine schöne Madonna 
mit anmuthig bewegtem Kinde. Der Meister dieses ausgezeichneten 
Werkes, welches auf schwäbische Einflüsse zu deuten scheint, hockt am 
Fusse der Kanzel in ganzer Gestalt, mit ruhiger Zuversicht um sich 
 schauend.
        

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