Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643139
Zweites Kapitel. 
Nordische Bildnerei von 1450 
1550. 
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nicht genug Nachrichten vor, um ein Urtheil schon jetzt möglich zu 
machen. Doch scheint es, dass man für die bedeutendsten Arbeiten 
fremder Meister bedurfte; wahrscheinlich weil die frühere Zeit diese 
Gattung der Plastik dort wenig gepflegt hatte. S0 berief Kaiser 
IPriedi-ich III. den Meister Nicolaus Lerch im Jahre 1467 aus Leyden, 
um das Grabmal der verstorbenen Kaiserin Eleonore für die Stiftskirche 
zu Wiener-Neustadt zu arbeiten. Als dies vollendet war, erhielt 
Lereh den Auftrag, das Grabmal des Kaisers für S. Stephan zu Wien 
anzufertigen. Da der Kaiser und der Meister seines Grabmals im Jahre 
1493 starben, als erst der Deckel des Monumentes fertig war, wurde 
Meister Michael Dichter zu „Sr. Majestät Grabmaeher" erwählt. Aber 
erst 1513 wurde das grossartige Werk zu Ende geführt. In Pracht der 
Anlage und Reichthum der Ausschmückung gehört dies Denkmal zu den 
bedeutendsten der Zeit; aber der künstlerische Werth der plastischen 
Arbeiten entspricht keineswegs dem Aufwand an Mitteln. Ganz aus 
röthlichem Marmor errichtet, besteht es aus einem breiten gelanderartig 
durchbrochenem Unterbau, über welchem sich der Sarkophag mit seinem 
Deckel erhebt, der, von einem stolzen Ehrenkranz von Wappen umgeben, 
die Gestalt des ausgestreckt daliegenden Kaisers tragt. Die Anordnung 
des Ganzen zeugt um so mehr von Einsicht und Originalität, als in 
Deutschland den Künstlern nur selten Gelegenheit geboten wurde, gross- 
artigere Freimonumente dieser Art auszuführen. Fast mit dem Geiste eines 
Italieners hat der Künstler die gothischen Formen sehr maassvoll und 
eigentlich nur an untergeordneten Theilen, an der Krönung des oberen 
Gesimses und den Baldachinen der am Sarkophag wie am Unterbau 
angeordneten Heiligenstatuetten zugelassen. Im Uebrigen war es seine 
ganz berechtigte Hauptabsicht, möglichst viel Relieffelder zu gewinnen, 
was ihm an den Seiten des Sarkophags denn auch gelang. Man sieht 
wieder, wie Wenig der gothisehe Styl geeignet war, für wortreiche Ver- 
herrlichung von weltlichen Herren den Rahmen herzuleihen. Die Reliefs 
des Sarkophags enthalten eine Krönung der Maria und acht "fromme 
Werke" des Kaisers, d. h. Stiftungen von Klöstern u. dergl. Dazwischen 
sieht man in kleinen baldaehingekrönten Nischen die Statuetten der 
Reichsfürsten, die wie ein feierliches Trauergefolge den Sarkophag um- 
geben. An den Pfeilern des Unterbaues sind in Nischen die Statuetten 
Christi und der Apostel angeordnet, in den Bogenlaibilngen des Geländers 
sodann noch viele kleinere Figuren von Bischöfen, Aebten u. dergL, sodass 
man im Ganzen über 240 Figuren zählen will. Dieser reiche plastische 
Schmuck ist von verschiedenem Werthe, ohne sich irgendwie zu hoher 
geistiger Bedeutung oder Schönheit zu erheben. 
Friedrichsll] 
Grab in 
St. Stephan.
        

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