Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1643099
denn diese Werke haben mehr ächt künstlerisches Verdienst, als mit der 
monotonen Strenge des 13. Jahrhunderts für ähnliche Zwecke jemals 
erreicht wird. Der dekorativen Pracht entspricht an diesem Meisterwerk 
der Werth der plastischen Ausstattung. Am Sarkophag sind fünf Apostel- 
büsten im Hochrelief angebracht, herrliche Köpfe von würdevoller Schön- 
heit und vollendet freier Behandlung, die namentlich an den Bärten und 
dem Haupthaar hervortritt. Nicht minder vorzüglich sind die beiden 
schlafenden Kriegsknechte, unübertrefflich leicht hingegossen, die Köpfe 
voll Lebenswahrheit. Hinter dem Grabe in der Tiefe der Nische stehen 
Johannes und die drei Frauen, lieblich runde Köpfe nicht gerade von 
tiefem, aber doch von wehmüthig rührendem Ausdruck. Die schwäbischen 
Meister mochten nicht wie die fränkischen die Weiche Schönheit der Köpfe 
der dramatischen Schilderung der Leidenschaft opfern. Die Gewandung 
zeigt mannigfache, schön erfundene Motive, die aber durch eine zu studirte 
Pläufung der Falten in Unklarheit fallen. Geringe Steinmetzenarbeit ist 
der auferstandene Christus in dem mittleren Baldachin und nicht besser 
scheinen die vier als Bekrönung angebrachten Brustbilder von Propheten. 
Es ist hier wohl am Platze, auf die seit Syrlin in der schwäbischen 
Schule so beliebt gewordene Anordnung von Büsten hinzuweisen, die 
allerdings eine liebevolle Durchführung begünstigte, aber das Studium der 
ganzen Gestalt zurückdrängte, welches doch dieser Zeit so sehr Noth 
that. Daher grade in dieser Schule fast durchgängig die ungebührlich 
kurzen Körperverhältnisse bei ganzen Figuren. So sieht man es z. B. an 
den Apostelstatuen im Chor der Stiftskirche zu Tübingen, gedrungene 
Körper in hart gebrochenen Gewändern, die Köpfe zum Theil recht 
lebendig. Besser und feiner die kleinen Engel und die Prophetenbüsten 
an den Konsolen (drei von den Apostehr in der Zopfzeit erneuert). Unter 
den Bildwerken am Aeusseren des 1470 begonnenen Chores und des Schiffes 
ist, bei mehr dekorativer Behandlung, manche tüchtige Arbeit; namentlich 
ein Ecce homo ist würdevoll aufgefasst. Merkwürdige Zeugnisse von dem 
plastischen Drange dieser Schule sind am nördlichen Seitenschiif die 
Reliefs in den Fensterkrönungen, die anstatt des sonst allgemein üblichen 
Maasswerkes dienen: eine von Engeln gekrönte Maria, ein h. Georg und 
ein. Martinus, den Mantel theilend, zu Pferde, treHlich in den Raum 
componirt, aber handwerklich gearbeitet. Sodann an der Ostseite die 
wunderliche Gestalt eines aufs Rad geflochtenen Missethäters, von hartem 
Realismus.  In derselben Kirche ist eine Kanzel aus dieser Zeit, an 
deren Brüstung Maria mit dem Kinde und die vier grossen Kirchenvater, 
deren Bücher auf den Zeichen der vier Evangelisten ruhen. Die Köpfe 
sind ausdrucksvoll, die Gewänder hart und unschön. Eine ähnliche 
Tübingen.
        

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