Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1642962
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Viertes Buch. 
Glückseligkeit das mit einem Hemdchen bekleidete Kind vor sich hin, 
welches mit der linken Hand die Wange der Mutter streichelt. Während 
von oben zwei Engel, freudig bewegt, mit der Krone nahen, schweben zwei 
andre herab und breiten in" herrlichem Faltenwurf den weiten Mantel der 
Madonna wie schützende Flügel über die ganze Christenheit, die in kleinen 
Figuren unten kniet, und über die Familie Peringerexlörfer, für deren 
Grabmal das Werk ausgeführt wurde. Ein Jubelklang himmlischer Freude 
dureln-auscht diese ebenso feierliche als liebliche Darstellung, die den 
lileister so gross im Milden und Anmuthigen zeigt wie wenig andere. Auch 
die Gewänder sind flüssiger im Zug der Linien als in den übrigen Werken 
Kraffts; die Köpfe der Engel und der Maria erinnern an die verwandten 
des Tabernakels der Lorenzkirche. 
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 Angesichts solcher Werke ist es schwer zu glauben, gleichwohl aber 
durch Neudörtfer bezeugt, dass auch die drei Passionsscenen im Chor-um- 
gange von S. Sebald vom Jahre 1501 von Krafft herrühren. Man möchte 
sie eher einem Gesellen Kraffts, aber einem in alle Unschönheit, Härte und 
Schärfe der Zeit verfallenen zuschreiben. Erst im Vergleich mit diesen 
Arbeiten weiss man den Hauch maass- und seelenvoller Auffassung zu 
würdigen, der in den übrigen Werken des Meisters selbst die herbsten 
Gestalten umspielt. Dagegen zeigt die Krönung der Maria (lurch Christus 
und Gottvater, links am Choreingange der Frauenkirche (1500) den Styl 
Kraiffs in seiner liebenswürdig herzlichen Weise. Maria kniet andächtig 
betend, in dem otfnen Antlitz der Ausdruck kindlicher Reinheit und Zu- 
traulichkeit. Gottvater ist eine grossartige Gestalt. Nur haben die Figuren 
wie die meisten Bildwerke dieser Kirche durch rohe Bemalung in neuerer 
Zeit sehr gelittent). Denselben Gegenstand führte der Meister 1501 für 
ein Landauefsches Grabmal etwas umfangreicher aus. Dies schöne Werk 
befindet sich jetzt in einer Kapelle der Ae gidienkirch e. Die Gestalten 
sind hier besonders kurz, aber edel bewegt, die Maria wieder mit un- 
schuldigem Kindergesicht voll Liebliehkeit, Gottvater besonders feierlich, 
nur Christus nicht recht innerlich belebt. Die Gewänder sind trotz der 
knittrigen, bauschigen Falten grossartig angeordnet. Oben schweben 
zwei Engel mit der Krone, unten sind musizirende Engel; sodann links 
 In der Jakobskirche sind fast alle Bildwerke „bronzirt", d. h. mit einem 
hässlichen, stumpfen, schmutzig-grünen Farbenton bedeckt worden. Dies war (las 
erste Stadium der Verballhornung, in welches die moderne Restaurationswuth ver- 
fiel. Das zweite Stadium, durch die Scnlpturen der Frauenkirche vertreten, ist 
das des gefühllosen Ueberschmierens mit grellen Farben, worin nmn sich ohne 
Zweifel sehr mittelalterlich polyehrom vorkommt. Das eine ist so seheusslieh wie 
das andere.
        

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