Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1642929
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Buch. 
Viertes 
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stand einem Künstler der damaligen Zeit werden mochte: sieht man von 
der steifen-Haltung ab, so liegt im Ausdruck wohl Etwas von Versöhnung, 
von gegenseitigem Vergeben und Vergessen. Als Meister des Werkes wird 
ein sonst unbekannter Hans „der Steinmeissel" genannt. 
Kein Ort in Deutschland ist für die Steinsculptur dieser Zeit so be- 
deutend wie Nürnberg, das in mehr als einer Beziehung hier die Stelle 
einnimmt, welche in Italien Florenz zukommt. Eine der frühesten und 
schönsten Sehöpfimgen des neuen Styls ist das grosse Relief eines thronen- 
den Christus an der Südseite der Lorenzkireh e. Unter einer spatgothis 
sehen Bekrönung, überdacht von einem Baldachin, dessen Vorhänge von 
fliegenden Engeln zurückgeschlagen werden, thront der Erlöser, in der 
Linken den Reiehsapfel mit dem Kreuz, in der Rechten das Scepter sammt 
dem ofiiien Buch des Lebens haltend. Ein Kranz von schwebenden und 
knieenden Engeln umgiebt ihn wie eine Aureole von jugendlicher Schön- 
heit. Die beiden vorderen sind mit reichen Kronen geschmückt; der eine 
halt ein mächtiges Schwert, der andere eine Lilie. In der Mitte knieen 
an den Stufen des Thrones in winzigen Figürchen Stifter und Stifterinnen. 
Das ganze Werk strahlt von Schönheit und Herrlichkeit, und obwohl in 
der Gewandung die harten eckigen Brüche stark mitreden, ist doch die 
Anordnung sowie die Composition im Ganzen grossartig und würdevoll. 
Wer dies Werk, das um 1470 entstanden sein mag, geschaffen hat, lässt 
sich nicht nachweisen. Von den Werken der bekannten Nürnberger 
Meister unterscheidet es sich sowohl im Styl der Gewandung wie in dem 
eigenthümlichen Sehönheitssinn, ja selbst im Charakter der Architektur. 
Am meisten Berührungspunkte bietet es mit den Schöpfungen Adam 
Krafftis, und es wäre nicht undenkbar, dass wir hier eine seiner früheren 
Arbeiten vor uns hätten. Da. ausserdem die Gewandbehandlung, die 
itrchitekturformen, imd mehr noch die naive Schönheit der Engelköpte 
mit dem reichen Loekenhaar auf schwäbische Einflüsse zu deuten scheinen, 
so würde unsere Vermuthung eine Bekräftigung erhalten, wenn die Sage 
zu historischer Gewissheit würde, dass Krafft aus Ulm gebürtig sei. Wir 
wollen indess einstweilen von solchen Vcrmuthungen abstehen und uns zu 
den sicheren Werken dieses bedeutenden Meisters wenden.  
Adam Krajft mag um 1430 geboren sein. Seit 1462, wo er das 
Michaelchörlein der Frauenkirche baute, finden wir ihn in Nürnberg. Nach 
Neudörffers Angabe verheirathete er sich 1490 zum zweiten Male, und 
starb 1507 zu Schwabach im Spital. Die Reihe seiner sicheren und 
datirten Werke beginnt erst 1490 mit den berühmten Stationen, und lässt 
sich von da ununterbrochen bis an seinen Tod verfolgen. Um so auf- 
fallender, dass wir aus der ganzen früheren Lebenszeit nichts mit Be-
        

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