Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1642762
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Viertes Buch. 
lebensgrossen Statuen der Maria mit dem Kinde und der beiden Johannes. 
Die Köpfe sind von feiner Form, nur der Madonnenkopf ist etwas leer 
und gross, eine kalte Schönheit; doch so, dass man ihn dem Veit Stoss 
wohl zutrauen kann, da in seinen früheren Werken die Keime zu solcher 
Entwicklung wohl vorhanden sind. Die Gewänder, etwas bausehig, aber 
grossartig entworfen, scheinen mir von seiner Art. Das Kind ist naiv 
und lebendig an einer 'l'raube naschend dargestellt. Die beiden Heiligen 
sind etwas conventionell in der zurüekgebogenen Haltung, besonders Jo- 
hannes der Täufer; ganz fein belebt die Hände. (Die in der Nähe ste- 
hende Statue des Dionysius ist ein gediegenes Werk von vollkommen 
durchgeführter Gewandung, der Kopf von milder Wehmuth umtlort. Es 
schien mir von anderer, aber ilicht minder trcfflicher Hand.) 
Am meisten dem Veit Stoss verwandt in den Vorzügen, aber auch in 
den Mängeln des Styles scheint mir in einer Kapelle derAegidienkirche 
das Flachrelief eines englischen Grusses: der Flngel recht schön, die Hände 
fein, nur die Madonna etwas steif. Ebenfalls seiner Art entsprechend in 
der J akobskirche, die ein ganzes Museum von Nürnberger H0lz- und 
Steinsculpturen ist, ein Altar mit der Freigruppe der h. Anna, welche das 
Christuskintl auf dem Schoosse und die neben ihr stehende Maria im Arme 
hält. Diese faltet fromm die Hände und blickt mit dem schönen Oval- 
köpfehen etwas theilnalnnlos aus dem Bilde heraus. Köstliches Locken- 
haar iiiesst über ihre Schultern herab, die Gewandung ist schwungvoll 
geworfen; nur Haltung und Ausdruck der h. Anna sind ilieht sehr ge- 
lungen, und die_Gruppe hat kein schönes Gleichgewicht. Da aber Veit 
Stoss ein Meister in der Anordnung ist, so dürfte hier lteins seiner eigenen 
Werke, sondern die Arbeit eines unter seinem Einfluss stehenden Künst- 
le1's anzunehmen sein. Neben diesem Altare ist auf zwei Konsolen die 
Heimsuchung durch die Einzelgestalten der Maria und Elisabeth darge- 
stellt. Die Elisabeth ist von geringerem Werthe, die Maria dagegen in 
dem hastigen Schreiten, dem kühnen Schwung des wehenden Gewandes 
und der edlen Schönheit des feinen Ovalkopfes ein achter (iedanke des 
Meisters. Endlich tragen das volle Gepräge seines Geistes und seiner 
Hand zwei Relieftafeln der Verkündigung und Beschneidung im Besitze 
des Herrn Bruno Lindner in Leipzig. Sie stehen der Krönung Mariä. 
auf der Bu1'g im Styl am nächsten. Eine ähnliche und nicht minder werth- 
volle Krönung der Jungfrau, von durchaus gleicher Anordnung wie jene, 
findet sich im Chorumgang der oberen Pfarrkirche zu Bamberg. Da- 
gegen wird das grosse Kruzifix mit Maria und Johannes auf dem Hoch- 
altar von S. Sebald aus dem Jahre 1526, welches man als das letzte 
Werk von Veit Stoss bezeichnet, schwerlich von dem damals ettva Sßjäih-
        

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