Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1642689
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Viertes Buch. 
geschmückt sind, umfasst der Mittclschrein eine einzige Darstellung in 
überlebensgrosseil Figuren. Maria -als Hinnnelskönigin, von kleinen Engeln 
umgeben, die ihr die Schleppe des Mantels tragen, kniet rechts vor ihrem 
gegenüber auf dem Throne sitzenden Sohne, der sie huldreileh anschaut 
und seine segnende Rechte gegen sie erhebt. Zu beiden Seiten stehen die 
h. Wolfgang mit dem Kirchenmodell und Benedikt mit dem Bischofsstabe. 
Die Anordnung ist grossartig, einfach, wirksam; denn die Gestalten, 
strahlend von Gold und Farben, heben sich klar aus dem Schattendunkel 
der tiefen von Baldachinen gekrönten Nische. Allerdings zeigen die 
Figuren einen Mangel an körperlicher Durchbildung, und es wird hier 
schon in bedenklicher Weise die Unsitte der Zeit fühlbar, untcrbauschigien. 
wunderlich verzwickten und eckigen Gewandfalten jede klarere Ent- 
wicklung der lform verschwinden zu lassen. Es scheint daher, dass 
"der erber und weis Maister Michel Pacherf" (wie er in jener Urkunde 
hcisst) seine Studien in fränkischer Schule gemacht habe. Aber seinen 
eigenen Schönheitssinn und seine Poesie hat er zu bewahren gewusst, und 
die offenbaren sich in dem süss demüthigen Kopf der Maria, die das 
schöne Oval ihres Gesichtes wie verlegen seitwärts wendet und den ge- 
senkten Blick auf der Gemeinde weilen lasst; ebenso in dem würdigen, 
feierlichen Ausdruck des segnenden Christus und den offenen, naiven 
Kindergesiehtern der Engel, die zwar im Faltenwurf eben auch wunderlich 
bizarr erscheinen, aber mit der keck ausschrcitenden Bewegung ihre 
jubelnde Heiterkeit originell ausdrücken. Wie mangelhaft das Körper- 
verständniss des Künstlers ist, erkennt man an den übertrieben langen, in 
ihren Gewändern ganz verschwundenen beiden Heiligen, während Christus 
und Maria eher zu gedrungene Verhältnisse haben. Trotz Alledcln ist 
das Ganze voll Poesie und Adel der Empfindung. Die Altarstaifel enthält 
in klarem, etwas genrehaftem Relief die Anbetung der Könige. In dem 
luftigen 'I'abernakelbau, der das Werk krönt, sieht man von geringerer 
Hand Christus am Kreuz, umgeben von Johannes und Maria in lebhafter 
Schmerzäusserung; daneben Johannes den Täufer und S. Michael, letzterer 
wieder in heftigem Affekt die Waage haltend und mit dem Schwerte drein- 
schlagend. Darüber sind auf einzelnen Konsolen zwei weibliche Heilige, 
ZWGi anbetende Engel und der thronende Gottvater angebracht. Von 
höherer Bedeutung sind die jugendlich ritterlichen Gestalten der h. Georg 
und Florian, die zu den Seiten des Altares auf reichen Konsolen sich er- 
heben. S. Florian trägt einen Turban und giesst Wasser aus einer Kanne 
auf eine brennende Burg. 
Von anderen Werken des Meisters sind bis jetzt (ausser den hier zu 
übergehenden Gemälden) nur zwei geschnitzte Tafeln im Ul'S11lll]0l'iUllGl1-
        

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