Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1642535
Zweites Kapitel. 
Nordische Bildnerei 
von 1450 
1550. 
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die hier selbständiger als irgendwo an ähnlichen Arbeiten zur Anwendung 
kommt. Der Künstler giebt in geschlossenen Reihen drei Oyklen von 
Persönlichkeiten des Heidenthumes, Judenthumes und Christenthumes, 
denen zum Theil eine prophetische Beziehung auf Christus beigelegt wird. 
Mit Rücksicht auf die Plätze, welche die beiden Geschlechter im Kirchen- 
schitfe einnehmen, ist auch in diesen Bildnissen die Nordseite den Män- 
nern, die Südseite den Frauen eingeräumt. Die untere Reihe, aus Büsten 
bestehend, die an den Seitenbrüstungen angebracht sind, ist dem Heiden- 
thum gewidmet. Links sieht man sieben Gestalten von weisen Heiden: 
Pythagoras, Cicero, Terenz, Ptolemäus, Seneca, Quintiliaal und Secundus; 
rechts ebenso viele Sibyllen; daran schliesst sich einerseits das Brustbild 
des Meisters, andererseits das seiner Frau, wie angegeben wird und mir 
nicht unwahrscheinlich ist. Die zweite Reihe befindet sich in den Rück- 
wänden der Stühle und enthält links in stark erhobener Arbeit die Bmst- 
bilder von Propheten und Vorfahren Christi, rechts von frommen Frauen 
des alten Testamentes. Die oberste Reihenfolge endlich, aus kräftig ge- 
arbeiteten Brustbildern in den Giebelfeldern der Krönung bestehend, ist 
dem Christenthum gewidmet. Sie zeigt links die Figuren der Apostel 
und anderer ausgezeichneter Heiligen, rechts weibliche Gestalten, darunter 
Magdalena, ltlartlm, Elisabeth, Walburgis und Andere. 
Dem sinnigen Gedankengang entspricht die Ausführung. Der Meister 
verfügt über eine Feinheit der Charakteristik, die ihm sowohl im Anmu- 
thigen, wie im Würdevollen zu Gebote steht. Am vorzüglichsten sind die 
beiden unteren Reihen. Da sie ganz nahe betrachtet werden, so gab er 
ihnen die zarteste Durchführung, die sich namentlich in den edlen Köpfen 
und den zart ausgearbeiteten Händen erkennen lasst. An letzteren sieht 
man ein gediegenes anatomisches Verstandniss ohne Harte und Scharfe; 
ebenso frei in schönem Lockenfall ist das Haar behandelt. Die Sibyllen 
zeigen anmuthige Köpfe mit feinem Lächeln, das bisweilen von stiller 
Itlclaneholie umtlort ist. Das Gesicht hat ein weiches Oval, die Nase im 
Profil edle, kaum merklich gebogene Linien, der kleine Mund ist wie zum 
Sprechen geöffnet. Schlank und fein sind die IYIande, mit schmalen zart- 
gebildeten Fingern: kurz, in Allem waltet ein Schönheitssinn, der wenige 
Schöpfungen des Jahrhunderts so rein verklärt. Die Bildwerke der beiden 
oberen Reihen sind nicht minder lebensvoll, doch etwas breiter, nicht so 
fein detaillirend behandelt. An den oberen Gestalten zeigen Lippen und 
Augen noch Spuren von Bemalung, letztere mit dunklem Stern auf weissem 
Grund. Ausserdem ist nur an den architektonischen Gliedern ein beschei- 
dener Zusatz von Vergoldung zu bemerken. Auch Humoristisches ist an 
passendem Ort eingestreut und mit freier Laune behandelt. 
Liibke, Gesch. der Plastik. 34
        

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