Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1642461
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Viertes Buch. 
deutschen Wesens, die in den Tiefen des eignen Gemüthes wurzelnde Kraft 
individueller Auffassung aufs Schönste bezeugen. 
Aber eine grosse Anzahl dieser Werke besitzt auch ein absolutes 
künstlerisches Verdienst. lNicht immer werden wir durch herbe, unschöne 
Formen verletzt; vielmehr gelingt es manchemder bekannten und unbe- 
kannten Meister, eine seltene Lauterkeit imd Durchbildung zu erreichen. 
Und das hat hier um so höheren Werth, als das gemianische Streben nach 
individueller Freiheit mit besonderer Energie in diesen Arbeiten nach Aus- 
druck ringt. In Italien hatten die Künstler sich weit mehr einer allge- 
meineren Idealform genähert, waren nur vereinzelt und vorübergehend bei 
kirchlichen Gebilden zu einer portraitartigen Auffassung gelangt. Im 
Norden ruht der Schwerpunkt der neuen Kunst auf dem siegreichen Be- 
tonen des Individuellen. Dies führte eine ungleich grössere Mannichfal- 
tigkeit der Richtungen mit sich. Jeder Meister hat, namentlich für Ma- 
donnen und andere Frauenköpfe, sein eigenes Schönheitsideal, in welchem 
wir noch jetzt den schmerzlich süssen Reflex subjektiver Herzenscrlcbnisse 
ahnen können. Diese Richtung musste als natürlicher Rückschlag im Nor- 
den sich um so scharfer durchsetzen, als man gerade hier in der vorigen 
Epoche am hingebendsten die idealistischen Typen der gothischen Kunst 
in Sculptur und Malerei gepflegt hatte. Man _war nun der ewig gleich- 
förmigen Schönheit im Wurf der Falten, des stillen monotonen Lächelns 
der Gesichter herzlich satt, und wollte lieber die Wirklichkeit mit allen 
ihren Härten, mit ihren eckigen Gestalten, ihren vielfach gebrochenen Ge- 
wändern, als jene leer und allgemein gewordene Schönheit. Aber selbst 
auf diesem Umwege durch die strenge Schule des Realismus verloren nur 
die ganz Einseitigen oder Unbedeutenden das höchste Ziel aus den Augen. 
Andere wussten mit dem Feuer der tiefsten Empfindung den spröden Stoff 
der Wirklichkeit in Fluss zu bringen und ihn in eine Form zu giessen, in 
welcher das individuell Bedingte den Stempel der Schönheit und die Weihe 
seelenvoller Innigkeit empfing. 
Deutschland. 
Wir haben unsre Umschau mit den Arbeiten Deutschlands zu be- 
ginnen, ireil alle übrigen nordischen Länder in der Plastik sich während 
dieser Epoche nur untergeordnet verhalten. Deutschland allein kann sich 
darin an Fülle und Bedeutinig der Denkmäler mit Italien messen. Was 
ihm an harmonischer Schönheit abgeht, ersetzt es reichlich durch die 
grössere Innerlichkeit der Empfindung und (lureh die Vielseitigkeit der 
Bestrebungen. "Wenn die italienische Plastik durch das (lominirende
        

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