Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1642418
Zweites Kapitel. 
Nordische Bildnerci von 
1550. 
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das Spiegelbild ihrer Zeit geben, so unerbittlich sie die heiligen Gestalten 
des alten wie des neuen Testamentes in die Kleider und die Umgebung 
des 15. Jahrhunderts stecken, doch in der Architektur die gothischen 
Formen versclnnähen und fast immer zu denen des romanischen Styles 
greifen. In der That fand die neue Plastik, lebenswahr und selbst extrem 
realistisch, wie sie im Laufe des ganzen Jahrhunderts auftrat, keinen Platz 
im Systeme der Gothik. Denn sobald die Gestalten eine naturwahre 
körperliche Durchbildimg erhielten, machten sie das Recht auf freiere Be- 
wegung geltend, und dafür war in den engen Hohlkehlen, an den be- 
schränkten Bogenfeldern der Portale, zwischen den kilappen Säulen- 
stellungen der Baldachine kein Raum. 
Als nun trotzdem der Zug nach realistischer Treue, der aus den Comllgigmisß 
Tlafelbildern schon geraume Zeit siegreich hervorstrahlte, auch die Plastik derselben- 
mit fortriss, mussten ihre Werke sich wohl oder übel mit dem System der 
herrschenden Architektur abzuiinden suchen. Aber dies konnte zu keinem  
reinen Style, zu keiner vollen Befriedigung führen. Bis gegen die Mitte - 
des 16. Jahrhunderts beherrscht die gothische Bauweise fast aussehliesslieh 
den ganzen Norden. Während dieser langen Epoche liegt die Plastik 
mit ihr im Kampfe. Die Concessionen, welche die Gothik machen konnte, 
waren zwar hinreichend, ihr eignes Gesetz aufzuloclzrarn, aber nicht ge- 
nügend, die gerechten Anforderungen der Plastik zu erfüllen. Wie eine 
mündig gewordene Tochter, die fortwährend dem strengen Hausgesetze 
sich unterwerfen soll, dem sie längst entwachsen ist, windet und müht 
sich die Bildnerei, um trotzdem ihr neues Lebensgefühl zum Ausdruck zu 
bringen. Ist es zu verwundern, dass die Heftigkeit und die Härten dieses 
Kampfes sieh in allen ihren Zügen ausprägcn? dass es ihr selten gelingt, 
zu einem reinen Ausdruck der Schönheit durchzudringen? Eine weitere 
Folge ist, dass sie sich der Tyrannei der Architektur nach Krätften zu ent- 
ziehen sucht. S0 bildet sie denn selbständig das Altarbild, das Grabs 
denkmal für ihre Zwecke um und verdrängt beim ersteren die Malerei, 
beim anderen die Baukunst zum guten Theil aus ihren Positionen. Die  
Architektur hatte für solche Werke fortan nur einen leichten Rahmen zu 
liefern; aber sie vermochte ihnen keine durchgreifende Gliederung mehr 
zu geben. 
Erwägt man dies Alles, so kann kein Zweifel bleiben, woran es folge" 
eigentlich im letzten Grunde der nordischen Kunst gebraeh, um im An- ihn)" 
schluss an die neuen Ideen sich zu einer harmonischen Gesammtkunst 
zu entfalten, wie sie Italien von 1420 bis 1520 im höchsten Sinne errang. 
Es fehlte der belebende, umgestaltende Pliniiuss der Antike, es fehlte die 
neue Architektur, welche den beiden bildenden Künsten in ihrer fort-
        

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