Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1641737
nftes Kapitel. 
Italienische Bildnerei von 1200 
1400. 
449 
darunter die eine nackt, die andre mit römisl-hei- 'l'oga bekleidet ist, und 
drei 'l'hiere: Löwe, Greif und Hund. Auch am Aufgange der Treppe hält 
ein ruhender Löwe Wacht. Ueber den Säulen sind vor den Bogenfeldern 
allegorische Gestalten von Tugenden als 'l'ri-tger der Kanzel angebracht, 
und die Flächen zwischen ihnen mit Propheten und Evangelisten aus- 
gefüllt. Endlich folgt die Brüstung, deren Flachen mit fünf bedeutenden 
Reliefdarstellungen gesehniüelzt sind. Sie enthalten die Verkündigung und 
die (äcburt Christi, die Anbetung der Könige, die Darbringung im Tempel, 
die Kreuzigung und das jüngste Gericht. Von diesen Reliefs sehliesst 
die Kreuzigung sich noch am nächsten der früheren Darstellungsweise an; 
dagegen ist bei der Geburt Christi und der Anbetung der Könige die 
Schilderung ganz in antike Auffassung getaucht. Besonders erinnert die 
Madonna, das eine Mal königlich auf ihrem Lager hingegossen, das andre 
Mal wie eine Fürstin thronend, mit Diadem, Schleier und reichen Ge- 
wändern, eher an die Gestalt der Juno, als an die der demüthigen Magd, 
die im Stalle Zuiiucht suchen musste. Der Künstler antieipirte hier die 
Königin des Himmels und schob ihr die Herrscherin des Olympos unter. 
Aber auch in andern, selbst in untergeordneten Figuren klingt dieselbe 
antike Grundstiinlnung an, am lautesten in mehreren der alhagorisehen 
lilinzelgestalten. Für die Starke wählte der Meister nicht das herge- 
braehte Bild einer weiblichen Idigur mit einer Säule oder einem Schilde, 
sondern einen I-Iercules, der mit jungen Löwen spielt. Ein andres Mal 
schwebt ihm eine Statue der Venus, dann wieder die grandiose Figur 
eines sehreitenrlen bärtigen Dionysos vor. Dennoch verfahrt er nicht 
sklavisch nachahmend, sondern frei umgestaltend und führt namentlich, 
wo es den Ausdruck des Heitern, Festlichen gilt, antike Anschauungen in 
den christlichen Kunstkreis ein. Es war, wie Burckhardt sagt, eine ver- 
frühte Renaissance, die eben deshalb keinen Bestand haben konnte. 
Nicola war in der Plastik den Mitlebenden ebensoweit vorausgeeilt, wie 
sein Zeitgenosse Kaiser Friedrich II. in den politischen Anschauungen es 
war. Eine speciiisch religiöse Empfindung hat keiner von Beiden; viel- 
mehr bricht bei Jedem in seiner Weise ein Zug moderner Subjectivität 
hervor. Wohl musste bald die christliche Gesinnung der Zeit Nicola's 
antike Renaissance vertreiben: aber seine Wirksamkeit hatte genügt, die 
Plastik aus den Kinderschuhen zu befreien, ihr die Bahn einer neuen Ent- 
Wicklung zu zeigen. 
Welches Aufsehen das Prachtwerk von Pisa. gemacht haben muss, 
erkennt man daraus, dass die Sienesen in rühmlichem Wetteifer den 
Meister veranlassten, ihnen ein ähnliches, aber noch glänzenderes zu 
schaffen. Dies ist die noch jetzt vorhandene Kanzel im Dom zu Siena. 
Kanzel  
Siena. 
der Plastik.
        

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