Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1641668
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Drittes Bu 
Beziehung 
zur Kunst. 
Selbstgefühl 
der 
Künstler. 
um dieselbe Zeit geschah, um die Herrschermaeht unumselirüiikt zu machen, 
lässt sich mit dem Gebahren dieser italienischen Despoten nicht verglei- 
chen; denn da es im Norden sich um ausgedehnte Länder handelte, so 
waren die Fürsten innnmar gezwungen, sich des Beistandes ganzer Klassen 
der Bevölkerung, namentlich der Bürger und des niederen Adels zu ver- 
sichern, um die grossen Vasallen zu beugen. Der italienische Gewaltmensch 
aber, als dessen 'l'ypus die blutige Gestalt Ezzelinds aufragt, verfuhr 
gegen Alle mit der ("lrauszunkeit des 'I'ig'ers und mit. der Riieksiehtslosigkeit 
des brutalen Egoismus. 
Man sollte meinen, solche Zilstande nlüssten der Kunst verderblieh 
geworden sein; ziber dies war nicht der Fall. Nur erhielt dieselbe (ladureh 
eine andere Riehtungy als im Norden. Der einzelne Meister tritt mehr für 
sich hervor. Das Individuum macht sieh geltend, und das Selbstgefühl 
des Künstlers entwickelt sich. Denn wie der 'l'yrann sich durch (Jewalt 
über Alle erhebt, so sucht Jeder durch Kraft des Genies sich aus der 
Masse zu sondern. Das Staatsleben bietet ihm keinen Spielramn; aber 
der Machthaber selbst bedarf der Kunst, weil er durch ihre Hülfe seine 
Person verewigen, monumental verherrliehen kann. Das Denkmal in die- 
sem persönlichen Sinn kommt zuerst in Italien zur Erscheinung. Auch 
darin klingt die Auffassimg des römischen Alterthums nach. Aber sogar 
glänzende kirchliche Unternehmungen, wie der Bau der Certosa zu Pavia 
und des Domes zu Mailand, verdanken solcher Gesinnung hier ihre Ent- 
stehung. Dann wetteifern die freien Städte mit einander in Rathspalasten 
und kirchlichen Dcnkmalen. Der Glanz und Ruhm der Stadt ist hier weit 
mehr die 'l"ric-bfeder, als der religiöse Sinn, obwohl natürlich auch letz- 
terer mit eintliesst. In diesem monumentalen Wetteifer muss die Bedeutung- 
des Künstlers mächtig steigen. Im Norden baut, meisselt und malt man 
vor Allem in frommer Hingebung. Das religiöse Gefühl ist dort vom An- 
fang ein tieferes, innigeres. Die treuherzigen Meister mit ihren Gesellen 
arbeiten handw'e1'klie.h zusammen, und ihr Werk gilt fast mehr wie ein 
Produkt der Religion, als der Kunst. Wie hatten sie in ihrer germanisch 
unbeholfenen Bescheidenheit zu einem künstlerischen Selbstgefühl kommen 
sollen! Sie fühlten sich als brave Handwerker, und dafür nahm sie. auch 
die Welt. Fast nie treten sie mit ihrem Namen hervor. Sie begnügen sich 
mit der anspruchslosen llieroglyphilt ihres Handwerkszeiehcns, wie es 
jeder Geselle als Marke seiner Arbeit aufdrückt. Aber jeder gewöhnliche 
Quaderstein tragt solch demüthiges Zeichen eben so gut, wie die zierliehere 
Konsole, oder die Statue, oder das Altarbild es erhält.  
Wie anders in Italien! Schon im 12. hthrhnndert (lurften sich ("lort 
die Urheber llIll)ClllllIllCll0l' Senlpturen als weise, kunstreiehe. ltleister
        

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