Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1641548
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Drittes Buch. 
zierlichen Gestalten hat der geniale Künstler mit besontlerer Liebe seine 
Meisterschaft entfaltet. Denn in der grössten Abwechslung der Bewegung 
weiss er die Trauer zu schildern; manche hüllen sich in ihre Mönchskutten, 
die mit berechneter Einfachheit in breiten Parallclfalten gezeichnet sind; 
andere werfen, wie in leidenschaftlicherAufregung, das Gewand in reichen 
Falten zurück; wieder andere drücken händeringend ihren Schmerz aus, 
oder lassen, wie geknickt, das Ilaupt tief auf die Brust her-absinken. Mit 
wahrer Lust löst der Meister wie im Spiel die grössten Schwierigkeiten 
und ist unerschöpflich in immer neuen Variationen. Alles dies (erinnert an 
die kleinen Engelfiguren des Blosesbrunnens, wie denn auch die etwas 
kurzen Körpervcrhäiltnisse den dortigen Gestalten entsprechen. Nur dass 
hier in der grösseren Aufgabe und dem edleren ltlatcriztl Alles zu höchster 
Feinheit (lurehgcbildet ist. Selbst die etwas unruhige Gesannntwirkting 
und der bisweilen übertriebene Ausdruck werden durch ihre Lebenswahr- 
heit aufgehoben. Geschmackvolle Vergoldung hob ursprünglitäli die Wir- 
kung noch mehr. Auf dem Sarkophage liegt in grossartiger Ruhe, die 
Hände zum Gebet gefaltet, die Statue Philipps des Kühnen im VOllOII 
Staatsgewande, vom {Ierzogsmantel in weitem Faltenwurf umhüllt. Kopf 
und Hände sind von einer Naturtreue, einem individuellen Ausdruck und 
einer Feinheit, wie man sie etwa auf den um ein Deeennium späteren 
Bildern Huberts van Eyck tindet. 
Dass ein Meister von solchem Range den grössten Einfluss auf seine 
Umgebung gewann und in den Gehülfen seiner bedeutenden Arbeiten eine 
tüchtige Schule heranbildete, ist selbstverständlich. Wir finden denn auch 
im liluseum zu Dijon das allerdings weit einfachere Grabmal eines Jacques 
Germain, „bourgoys de Clugny, jadiz pere de revercnd pere en dieu J ehan 
Germain evesque de Chalon," der 1424 gestorben. Die Gestalt liegt in 
feierlicher Ruhe da, ganz in's Bahrtuch geschlagen, welches bloss den 
unteren Theil des scharf und herb individuellen Kopfes sehen lasst lmd 
durch seinen grossartigen Faltenwurf die ernste Stinnnung bedeutsam 
steigert. Noch bestimmter erkennt man jedoch Sluters Einfluss an dem 
Doppeldenkmal Johanns ohne Furcht und seiner Gemalin lllargaretha von 
Baiern. Obwohl es lange nach dem 1419 erfolgten Tode des Herzogs 
ausgeführt wurde  1442 und im folgenden Jahre traf man die ersten 
Vorbereitungen dazu, 1444 wurde der Contrakt mit dem Künstler ge- 
schlossen t) und 1461 war es noch nicht vollendet  schloss man sich in, 
 Der Contrakt (vergl. den Katalbg des Mus. v. D. 1860 S. 186) bestimmt dem 
Meister Jehan de 1a Versa. "taineul: wymaiges" die Summe von 4000 Liv., etwa 
28,500 Fr. und enthält über alle Theile des Denkmals die genauesten Bestimmungen.
        

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