Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1641533
pitel. 
Viertes Ka 
Nordische Bildncrci der spätgothischen Ep 
429 
niglich, in üppiger Lockenfülle erscheint David; Moses mit langem Doppel- 
bart grandios und gebictend, ein achter Heerführer des Herrn. Die Sta- 
tuen sind alle etwas kurz und gedrungen und gewinnen durch das in 
weiten Falten geworfene Gewand noch an Fülle; aber es liegt in ihnen 
eine eigene Gewalt und Majestät, die durch die bedeutsame Charakteristik 
etwas Zwingendres erhält. Dabei sind die Köpfe im Ganzen grossartig be- 
handelt und doch durch die kleinsten Detailzüge naturwahr belebt. Mit 
vollendeter Meisterschaft sind namentlich die Hände ohne Ausnahme mit 
ihren Adern, Muskeln und feinsten Hautfältchen durchgeführt. Wenn der 
phantastische Zug der Zeit den Künstler mehrfach bis in's Genrehafte 
geführt hat, wenn Jeremias mit seiner Brille und seinem Häppchen, J esaias 
mit Gürtel ru1d Tasche, Zacharias mit Dintenfass, pelzverbrämtem Rock 
und hoher Mütze durchaus Portraitfiguren der Zeit sind, so ist dies Ueber- 
maass beim siegreichen Durchbruch einer neuen Richtung nicht zu ver- 
wundern.  Höchst eigenthümlieh drücken die Engelchen, welche mit 
ausgebreiteten Flügeln in die grosse obere Hohlkehle hineingestellt sind, 
auf die mannigfaltigstc Weise Schmerz und Kummer aus. Der eine wischt 
sich die Thränen aus den Augen, der andere kreuzt voll Ergebung die 
Hände über der Brust, ein dritter breitet beide Arme wie zur Abwehr 
empor, withrend ein vierter in voller Verzweiflung die Hände ringt. Auch 
hier sind die Gewänder in lebendigem Flusse fast virtuosenhaft behandelt. 
Der Schmerzensausdruclz bezieht sich auf den (lhristus am Kreuz, der 
ehemals auf dem Brunnen stand. 
Derselbe kühne Styl herrscht in den Bildwerkeii am Portal der 
Kapelle. An den Seiten werden Philipp der Kühne und seine Gemalin 
knieend von den hinter ihnen stehenden Schutzheiligen der am Mittel- 
pfeiler angebrachten Madonna empfohlen. Diese Arbeiten gehören der- 
selben Richtung, verrathen aber eine andere Hand. Die Gestalten sind 
schlanker, die Gesichtszüge streng und scharf durehgebildet, die Gewänder 
schwungvoll. Gegenüber der Portraitwahrheit der Knieenden, die nicht 
frei von Befangenheit ist, zeigt die liladonna einen fast heroischen Adel in 
Haltung und Ausdruck.  
Sodann kommt das Hauptwerk Sluters, das jetzt im Museum auf- 
gestellte. Denkmal Philipps des Kiihnen. Ueber einem Sockel und einer 
Basis von schwarzem Marmor erhebt sich ein gewaltiger Sarkophag, des- 
.sen vier Seiten von eleganten spitzbogigeil Arkaden auf Saulehen ge- 
schmückt werden. In weissem ltlarmor ausgeführt, wird diese Architektur 
von dem schwarzmarmornen Grunde noch [glänzender hervorgehoben. In 
den Arkaden bewegt sich ein Zug von vierzig Leidtragenden einher, Geist- 
liche und Hofleute in kleinen Statuetten von weissem Alabaster. An diesen 
Portal der 
Karthause. 
Denkmal 
Phi lippS des 
Kühnen-
        

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