Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1641483
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Drittes Buch. 
wegung. Auch hier schwankt also der Styl noch zwischen conventionellem 
Gepräge und sehüchternem Verlangen nach neuer Belebung. 
 Aus dem Anfang des funfzehnten Jahrhunderts bieten die Grüfte von 
St. Denis noch einige interessante Arbeiten. Dahin gehört die Statue 
Karls VI. (T 1422), eine Marmorstatue von ruhiger Ilaltung und klar 
iiiessender Gewandbehandlung, der Kopf dagegen merkwürdig gemein, 
breit und widerwärtig. Etwas besser stellt sich seine Gemahlin Isabella 
von Baiern (T 1435) dar. Nichts kann aber den tiefen Fall aus dem 
Idealismus in den platten Realismus so schart' bezeichnen, als wenn wir 
sehen, dass seit Philipp VI. die Könige von Frankreich in ihren Statuen 
sammtlieh eine hässliche, selbst gemeine Gesiehtsbildung zeigen, withrend 
früher die typische Auffassung der Zeit nur jugendlich anmuthige Köpfe 
litt. Wirklich scheint die französische Plastik durch langes Festhalten 
an den Erfordernissen des älteren Styles die Fähigkeit einer freieren Em- 
pfindung und einer selbständigen Bewegung zu sehr eingebüsst zu haben, 
um dem erwachten Bedürfniss nach naturt-reuer Auffassung genügen zu 
können; daher erhalten wir die Wirklichkeit zunächst in ziemlich uner- 
freulicher Auffassung. Wo indess ein bedeutender Meister berufen wurde, 
 da fand man auch jetzt bisweilen den Weg zu einer Verschmelzung der 
Portraitwahrheit mit der würdevollen Haltung, die von solchen Denkmalen 
vorzugsweise gefordert wird. Ein bedeutendes Beispiel dafür ist in der 
und m Kathedrale zu Bourges die Marmorstatue des 1416 gestorbenen Herzogs 
B0urges' von Berry, welche Karl VII. setzen liess. Wohl sind die charakteristischen 
Züge des Gesichts, namentlich in den Falten etwas hart wiedergegeben, 
aber doch voll Lebenswahrheit, die edlen l-litnde sogar meisterlich be- 
handelt, die Gewandung würdevoll in trcffliehein Illaltenwurf. 
Igliäillsilg-e Vielleicht liegt uns in diesem Werke das Zeugniss von der Thätigkeit 
Küißtler- eines jener ilietlerländischen Künstler vor, von denen wir durch 
manche Nachrichten wissen, dass sie um jene Zeit zahlreich nach Frank- 
reich berufen wurden. Der Herzog von Berry war selbst ein grossei- 
Kunstfreund gewesen und hatte unter andern Meistern auch einen hoch- 
gepriesenen Maler und Bildhauer Andre! Beazmeveu aus dem Hennegau 
in seinen Diensten. Ebenso findet sich unter den Künstlern, welche 
Karl V. für die Ausschmüekimg des Louvre berief, ein Meister Johann 
von Lüttich als besonders geschätzter Bildhauer. Ein andrer Künstler 
aus derselben Stadt, Namens llennequin, arbeitete das Denkmal, welches 
jener König sich in der Kathedrale von Rouen setzen liess. Flandern 
hatte sich damals durch die Betriebsamkeit seiner Bürger und die gross- 
artige Ausdehnung seines Handels zu einem Reichthum ailfgesclnvungeli, 
der eine glänzende Eiltfaltung der Kunst im Gefolge hatte. Der realistische
        

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