Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1637493
Zweites Kapitel. 
Aegypten. 
orientalischem Sinne das geistig Bedeutende durch fremdartige phanta- 
stische Fornwerbinduiig und (lureh übergewaltige lilassonhziftigkeit zur 
Erscheinung gebracht. 
Endlich kommen in jener ältesten Zeit der Pyraniidcngräbor von 
Memphis mehrfach Beispiele wirklicher Freisculptur vor, deren Be- 
trachtung erst ein vollständiges Bild vom Umfange der (lamaligen ägypti- 
sehen Plastik gewährt. Es sind dies sitzende Statuen der Verstorbenen, 
in Granit oder anderem schwer zu bearbeitendem Gesteine mit unüber- 
trefflicher Vollendung des technischen Verfahrens gciarbeitet. Zu den 
tiiehtigsten gehören die sieben sitzenden Kolossalstatuen Schafras, die 
man in dem zum Riesensphinx gehörenden Tempel ausgegraben hat. Aus 
einem grünen gelbgeaderten Marmor meisterlich gearbeitet, zeichnen sie 
sich durch grossartigc Strenge des Styles aus. Bei all diesen Werken 
erscheint der Kopf in voller Ausprägung individueller Züge, obwohl die- 
selben bei aller Verschiedenheit auf den gleichen nationalen Grundtypus 
zurückweisen. So überraschend es aber ist, die ägyptische Kunst schon 
so früh zu portraitivahrer Darstellung gelangt zu sehen, so erscheint es 
doch noch auffallender, dass (lcnnoeh von hier aus der Schritt zu geistiger 
Charakteristik nicht gefunden wird. Man bleibt bei feinstem Beobachten 
und sehärfsttam Auspragen aller Besonderheiten der äusseren Form stehen, 
ohne die Geheimnisse des inneren Lebens zu berühren. Noch grössercs 
Gebundenheit zeigt der übrige Körper, der sitzend, kauernd oder hockend 
die Arme fest an den Leib geschlossen, die Füsse in strenger Parallel- 
Stellung zusammengezogen, erscvhcint. Manchmal sind sogar die einzelnen 
Körperforlnen so wenig ziusgeprägt, (lass das Ganze wie ein ungefiiger 
Steinblock aussieht, indessen Oberfläche nur ganz allgemeine Andeu- 
tungen der Ilauptformen einer menschlichen Gestalt ziusgeführt sind. 
 Dies bringt uns auf die Frage, in wieweit ein Bewusstsein vom 
natürlichen Organismus in den ägyptischen Statuen zur Geltung kommt. 
Die Plastik der Aegvpter zeigt schon in ältester Zeit ein überraschend 
klares Üvkarstäinilniss der menschlichen Gestalt, welches (iifenbar auf 
scharfer Beobachtung beruht und von bedeutender Uobung des künstleri- 
schen Auges getragen wird. Was der Blick dann sicher erfasst hat, das 
wciss die Hand mit seltner Gcwandheit wiederzugeben und selbst aus 
dem härtesten Gestein sauber und scharf hervorzubilden. Allerdings wird 
dies Vermögen durch die Monotonie der Aufgaben erheblich gefördert. 
Die statuarische Plastik der Aegypter verzichtet von vorn herein auf 
jeden Ausdruck von Leben und Bewegung.  Unnahbar in feierlicher Ruhe, 
in steifer Haltung, den Blick starr vor sich richtend, die Arme fest an den 
Leib geschlossen, sitzen die Tausende von ägyptischen Statuen wie in 
Aultustr 
nisculpt
        

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