Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1637446
ZWEITES 
KAPITEL. 
Aegypten. 
Altvr 
K1 
Charakter 
der 
Avgyptcr. 
Früher als irgend ein anderes Volk haben die alten Aegypter ihre 
geschichtliche Existenz in bleibenden Monumenten ausgeprägt. In stolzer 
Abgeschlossenheit erblühte an den Ufern des Niles eine reiche, selbstän- 
dige Kultur, deren Beginn in Zeiten hinaufreicht, welche in allen anderen 
Ländern von undurch(lringliehen Ncbeln der Sage verhüllt sind. Nirgends 
auf der Welt ist so früh der Sinn für geschichtliches Leben erwacht; 
nirgends hat derselbe in grauer Urzeit sich so nachdrücklich in macht- 
vollen Werken verkörpert. Wenn bei den Indern die mystiseh-speculai- 
tive Lebensanschauung selbst in späten Tagen noch alle Spuren histo- 
rischen Daseins wie mit den üppigen Schlingpflanzen eines Urwaldes in 
märchenhafte Dämmemng hüllt, so tritt bei den Aegyptern dreitausend 
Jahre vor Beginn unsrer Zeitrechnung das Streben nach scharf bestimmter 
Ausprägung der geschichtlichen Verhältnisse in einer vollkommen aus- 
gebildeten Kunst zu Tage. Jene Kunst, die damals im unteren Aegypten 
die Denkmale von Memphis, die Pyramiden und die Felsengräber schuf, 
ist in jeder Art der Technik bereits hochentwiekelt, ihrer Ziele und ihrer 
Ausdrucksmittel vollkommen mächtig, das Endergebniss einer in unbe- 
kannte Vorzeit hinaufreichenden Kultur. 
Dieser Gmndzug ägyptischen Wesens wurzelt in einer dem indischen 
Charakter geradezu entgegengesetzten Geistesanlage. INIährend sich dort, 
im fernen Osten, das Interesse der realen Gestaltung des Lebens abkehrte, 
beruht bei den Aegyptern aller Nachtlruelä auf fester, scharfer Erfassung 
der Wirklichkeit. Wohl mag schon in der Urzeit die Beschaffenheit des 
Landes diesen in der Stammesart begründeten Sinn gepflegt und gefördert 
haben. Galt es ja sich gegen die Uebersclnvemmungeii des Niles in dem 
flachen Uferlande durch Damme zu siehem, sodann durch Kanalbauten 
und Wasserbehälter den verheerenden Ueberfluss der Gewässer zu einem 
segenbringenden umzuwandeln. In solchen Stromnioderungeii bei fort- 
gesetztem Kampfe mit den Elementen werden die schlummernden Geistes- 
kräfte zur Energie, zu thatigem Eingreifen und Gestalten des äusseren 
Lebens wachgerufen: Muth, Ausdauer, Scharfsinn, alle löihigkeiten des 
Verstandes werden auf's Höchste gesteigert. 
        

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