Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640784
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Drittes Buch 
bilden, ist Berengaria, Richards Gemalin ("t 1219), in einem herrlichen 
Grabstein der Abteikirehe l'Espa'i1 bei le Maus höchst lebensvoll mit 
freien offenen Augen gebildet. Das Gewand fliesst in weiten Falten herab, 
der vornehme Kopf ist von antiker Grossartigkeit, die Hände halten ein 
Kästchen und die Füssctruhcn auf einem Hunde, dem Sinnbild der 'l'reue. 
Hier ist der Sieg des neuen Styles vollständig entschieden. Sodann finden 
sich in der Kathedrale zu Amiens zwei grosse bronzene Grabplatten der 
Erzbischöfe Eberhard von Fouilloy (T l 223) und (iottfried von Eu (T 1237), 
welche dieselbe tiiessendc Behandlung des Gewandes, dieselbe ideale Aus- 
prägung der Köpfe zeigen. Von gleicher Anordnung, die ruhende Gestalt 
von einer Nische in gebrochenem Spitzbogen umfasst, von sechs Löwen 
getragen, stehen die Füsse auf zwei sich bekämpfenden Drachen. An der 
zweiten Platte ist Alles i'eicl1e1', lebendiger, freier, die Hände namentlich 
in vollem Verständniss und edlen Formen durchgeführt, auch sind zwei 
liebliche Engel mit Kerzen und zwei andere mit Weihrauchgefässen hinzu- 
gefügt. 
Das wichtigste Gesammtdcnkmal der Grabseulptur dieser Zeit ist die 
grosse Reihenfolge von sechzehn Denkmälern, welche die Gruft der Kirche 
von St. Denis auf Anordnung Ludwigs IX. erhielt, und die 1264 nach 
vollendetem Umbau der Kirche dort aufgestellt wurden. Sie beginnen mit 
den lilerowingern und Karolingern und gehen bis zu den Fürsten des drei- 
zehnten Jahrhunderts herab. Natürlich konnte hier von Aehnliehkeit nicht 
die Rede sein; die Künstler geben überall den typischen Idealkopf ihrer 
Zeit, in vollen weichen Formen, bei Frauen wie bei Männern ziemlich 
gleiehlautcntl, doch fallen die Locken bei letzteren frei in demselben eon- 
ventionelleil Sehwunge zu beiden Seiten herab, während sie bei den Frauen 
theilweise vom Schleier verhüllt sind. Alle haben das lange, in tiefen 
Falten herabiliessende, bei den lllännern nur bis an die Knöchel reichende 
Untergewand und darüber den weiten auf der Brust befestigten Mantel. 
Die Rechte hält das Seepter, während die Linke sich gewöhnlich mit dem 
Mantel zu schaffen macht und dadurch dessen freieren Wurf motixiirt. 
Fast scheint es, dass man der chronologischen Reihe nach verfuhr, denn 
die Gestalten Chlodwigs, Pipins und dessen Gemalin Bertha sind plump 
und schwer, der Faltenwurf geistlos, die Haltung ängstlich und befangen. 
Allein schon Karls des Kahlen Gemalin Ermentrutle ist weich und 
anmuthig aufgefasst, wenngleich noch etwas gebunden im Styl. Etwas 
schwächer ist wieder Ludwig III., trockener in der Behandlung Karlmann, 
und ebenso Robert II. Dagegen sind die Uebrigcn meistens frei und 
schön; so ist Endes eine der besten Statuen der Zeit, und ebenso die 
herrliche Gestalt der Constanee von Arles edel in reich entwickelter (te-
        

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