Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640757
Drittes Kap 
(lische Bih 
lGfGi der fr 
hgothischen Epoche. 
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der Körper wegen gesehatien sind, (leren Bau und Schönheit sie in jeder 
Falte vermtlieii, ja hervorheben sollen. Dagegen ist bei den Bildhauern 
des dreizehnten Jahrhunderts, weil sie christliche Gegenstände, also im 
Körper das Durehseheineu der Seele, des Geistigen zu veranschaulichen 
haben, der Körper von geringerer Bedeutung, nur in seinen allgemeinen 
Nierhätlhiissen empfunden und noch mehr vom Gewande verhüllt, das in 
dem grossen Selnvunge der Falten seine Bewegungen andeutet und leise 
naehklingen lasst, etwa wie eine lilclotlic von begleitenden Instrumenten 
getragen wird. S0 hat denn hier die christliche Empfindung sich einen 
völlig entsprechenden plastiseheirStyl geschaiien und für Alles, was in 
ihren Kreis fallt, den angemessenen Ausdruck gefunden. Die holdsclige 
hLiebliehkeit der Engel, die stille Seligkeit der Verklärten und Heiligen, 
den Ernst der Apostel, die gottergebene Demuth der lilärtyrer, die milde 
Klarheit des lehrenden und die feierliche Würde des richtenden Heilandes, 
das Alles ist nie höher und reiner von der Plastik dargestellt worden 
als hier. 
Nicht minder bewundernswiirdig ist die wahrhaft unversiegliche 
Sehöpferkraft, in welcher die Plaistilz dieser Zeit kaum von einer andern 
lüpeche erreicht wird. Denn das Streben nach plastischem Schmuck 
fand nicht blos an den zahlreichen Kathedralen, sondern selbst an be- 
Menge der 
lM-nkluälexj 
seheidenen Pfarr- und Dorfkirehen Platz und suchte, wie die bekannte 
Maison des musiciens zu Rheims beweist, auch bei Profangebäiuden sich 
zu bethätigen. Bezeichnend ist aber für den Geist der Epoche, dass alle 
diese grossen Arbeiten von den bürgerlichen Gemeinden, etwa im Bunde 
mit Bischöfen und Domkapiteln getragen werden,  dass dagegen die 
reichen und mächtigen Klosterorden, an deren Abteikirehen die Kunst 
der vorigen Epoche sieh entwickelt hatte, sich in dieser Zeit künstlerisch 
unthätig verhalten. Nur die Cisterziensei- machen allerdings eine Aus- 
nahme, werden aber durch ihre strengere Regel am häufigeren Betriebe 
der Plastik gehindert. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts (lringt nuu 
aber mit der gothisehen Architektur auch dieser neue Styl der Plastik in 
die übrigen Gegenden Fmnlcreielis ein und ruft in verschiedenen (legen- 
den glänzende Werke hervor, von denen einige der wichtigsten hier er- 
wähnt werden mögen. An der Kathedrale von Rouen zeigt das nörd- 
liche Portal der Westfagade eine elegante noch völlig romanische Orna- 
mentik, am Tympanon sehr naive und anziehende Reliefs, im feinen 
schlichten Style dieser Zeit. Es enthält die (lesehichtc Johannes des 
"lliiufers; man sieht IIerodes tafeln und behaglich der Tochter der Herodias 
zuschauen, welche nach der naiven Anschauung der Zeit auf den lläinden 
tanzt und den Körper in die llöhe wirft, wäihreinl die lleine abwärts ge-
        

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