Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640634
Drittes Kapitol. 
Nordische Bildncrci der friihgothischcn Epoche. 
339 
naten. Dazu kommen endlich noch Statuen der Tugenden mit den nach 
der Symbolik des Mittelalters ihnen zugehörigen 'l'hieren, und als Gegen- 
satz Schilderungen der Laster, die in völlig dramatischer Weise durch 
eine entsprechende Handlung eharakterisirt werden. Eine prächtige 
Säulengalerie, mit einer Reihe von Königsstztt-uen geschmückt, zieht sieh 
über den drei Portalen an der ganzen Breite der Fagade hin. Doch sind 
diese wie die übrigen Sculpturen der Faqade nach den Zerstörungen des 
vorigen Jahrhunderts neuerdings so stark ergänzt und überarbeitet, dass 
ein Urtheil über ihren Styl bedenklich erscheint. 
Etwas alterthtimlieher sind die Seulpturen an der Faeatle der Kathe- 
drale von Amiens, etwa gegen 1240 ausgeführt. Das Hauptpertal zeigt 
am Mittelpfeiler die grossartige Gestalt Christi, noch streng und herb, 
deeh würdevell, der Körper schmal in befangener Haltung, der Faltenwu1't' 
scharf geschnitten, aber treiflich motivirt. Ihn umgeben die Apestel, 
bedeutende lebendig charakterisirte Gestalten. Im Tympancn sind Auf- 
erstehung und jüngstes Gericht in reichen ausdrifeksvollen Reliefs ge- 
schildert. Das Südportal hat am Mittelpfeiler die Statue der llladonnzi, 
ruhig, einfach, von sehliehter Haltung, das Gewand frei entwiekielt, aber 
noch ohne die schwungvolle Bewegung der späteren Arbeiten, der Kopf 
noch ziemlich starr und ausdruekslos. Die Könige und heiligen Frauen 
zu beiden Seiten haben denselben Styl. Im Begenfelde ist 'l'0d, Himmial- 
fahrt und Krönung der lilaria, in den J-lrchivolten ihr Stannnbaiun dar- 
gestellt. Am nördlichen Portal trügt der Mittelpfeiler die schlichte 
anspruchslose Gestalt des heiligen Firmin, umgeben von (ieistliehcn und 
Diakonen. Das Tympanon erzählt in breiter Reliefdarstellung seine 
Legende. 
Dass sich in Amiens jener strengere Styl selbst bis in die Spätzeit 
des dreizehnten Jahrhunderts erhielt, beweisen die Seulpturen am süd- 
lichen Querschiff der Kathedrale, die nach 1258 ausgeführt sein 
werden. In der llladonna. des Mittelpfeilers sieht man die edlen schlanken 
Verhältnisse, die graziös eingebegene lilaltung, die schwungvolle Gewan- 
dung' des frei 011iWl(il{Glltll Styles, im Gesicht mit dem heraufgezegcnen 
Munde, dem spitzen Kinn und den sehmalgeschlitztenAugen das typische 
Lächeln, mit welchem damals gewöhnlich huldvolle Anniuth ausgedrückt. 
wurde. Drei liebliche Engel halten den Nimbus; andre Engel und IIeilige. 
die auf beiden Seiten angebracht sind, haben in der (Jentandbehandlung, 
mehr aber noch in dem fast ganz starren äginetischen Lächeln der Köpfe 
eiuen Nachklang der früheren xBefangenheit. Die kleinen Figürehen (iben, 
bestmders die Apostel, die Reliefs im 'l'_y1npanei1 und die (lruppeil an den 
Areliivelti-u zeigen einen klar und fein entwicktslten Styl, sodass man
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.