Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1636711
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1640629
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Drittes Buch. 
Mit dem aisketisch strengen, ängstlich befangenen Styl, der dort am Ende 
des vorigeu Jahrhunderts herrschte, hat er Nichts mehr genrein. Seine kräf- 
tigen vollen (lestaltcen mit ihren freien, selbst kecken Bewegungen und 
der mannichfaltigen Gewandung bilden in jeder Hinsicht den schärfsten 
Gegensatz zu jenen früheren Werken. Schienen dort die ungeschiekte 
Haltung und der Ausdruck klösterlieher Befangenheit das Ideal des 
bildenden Künstlers, so richten die bürgerlichen Meister der neuen 
Epoche kühn und freudig den Blick auf das ganze reiche Leben, das in 
wechselnden Gestalten sie umgab; und wie nunmehr auch in der Orna- 
inentik der Bauwerke (lasconventionellc, vom antiken Akanthus abgelei- 
tete Blattivcrk der romanischen Epoche den freien Nachbildungen der 
Laub- und Blüthenpraeht weichen muss, die der Lenz in unsern heimi- 
schen Wäldern und Fluren hervorspriesseil lasst, gerade so feiert in den 
selbständigen plastischen Zier-den das erwachte Naturgefühl seine Aufer- 
stehung. Dadurch werden die Kathedralen dieser Zeit bis in's Kleinste 
hinein der treue Ausdruck des freien bürgerlichen Gemeindelebens, das 
diese grossartigen Denkmäler geschaffen hat. 
Die frühesten Zeugnisse dieses neuen Styles finden wir an der Kathe: 
drale zu Laon. Es sind die Statuetten in den Archivolten des etwa um 
1210 entstandenen Irlauptportales der Facade. Derb und keck, in freier 
Haltung, imterscheiden sie sich auffallend von allen früheren Arbeiten.  
Das erste bedeutendcre Denkmal ist jedoch der Portalsclnnuek der 
Facaele von Notre Dame zu Paris, um 1215 ausgeführt. Zimächst 
scheint man hier jenes altere Südportal (vcrgl. S. 320) vergrössert und 
den neuen Verhältnissen angepasst zu haben. Im Tylnpanon wurden 
oben zwei anbetentle Engel, unten in einem Rclietstrcifen die Geschichte 
der heiligen Anna, am Mittelpfeilci- die Statue des heiligen Marcellus. 
letztere mit sichtlicher Anbequemung an den betätngtnieii stihmalschul- 
terigen Styl der älteren Werke hinzugefügt. Das Nordportal, der heiligen 
Jungfrau gewidmet, enthält am Mittclpfeilei- unter einem iroch sclnver- 
fälligen Baldachin die schlanke feinbewegte Gestalt der Maria, im Bogen- 
felde sitzende Prophetenstatuen in breiter (lerbcr Darstellung, darüber 
den Tod und die Krönung Maria. Eine Fülle ldeinerer liildxrerke ist 
an den Seitenwänden und in den Archivelteu angebracht. Das llaupt- 
portal zeigt am Mittelpfeiler die edle Gestalt Christi und ihr  
an den Wänden die Apostel, sodann im Bogenfelde das jüngste Gericht. 
Ausser zahlreichen kleineren Figuren von lüngeln und Heiligen finden sich 
hier wie bei jedem grösseren plastischen Cyklus der Zeit Darstellungen des 
Thierkreises und nicht bloss wie gewiöhnlitzh der Beschäftigungen des 
Menschen, sondern auch seiner Vergnüguugeir in den verschiedenen Mo-
        

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